Schon lange beschäftigt mich das Thema Wut. Wut war meine ständige Begleiterin. Es gab kaum einen Tag, an dem sie nicht ihren Arm um mich legte und mich begleitete. Sie sorgte dafür, dass ich mich immer und ständig über alles aufregen konnte. Sie befeuerte die Streitgespräche, die ich in meinem Kopf führte. Ihr gingen niemals die Argumente aus, warum eine Sache es wert war, bewütet zu werden.
Das war ziemlich zermürbend. Anstrengend. Auslaugend. Und vor allen Dingen auch total unbegründet. Wer hat denn was von diesen Streitgesprächen, die niemals stattgefunden haben und auch nicht stattfinden werden? Was bringt es mir, wenn ich mich über alles aufrege? Und woher, verdammt nochmal, kommt diese Wut eigentlich?
Das ganze einfach abstellen, funktionierte aber auch nicht. Das hatte ich schon unendlich viele Male versucht, ohne Erfolg. Das schlimmste daran war und ist, dass so eine Denkweise eine ziemlich fette Abwärtsspirale darstellt: Es beginnt mit einer kleinen Aufregung, steigert sich zu einem Ärgenis und kocht dann hoch zu echten Wutgefühlen, die mir manchmal den ganzen Tag versauten.
Es gab viele Situationen, in denen ich mich auf ein Treffen oder ein Ereignis gefreut hatte und wo meine innere Wut mir dann die Freude verdorben hat. Nie haben sich diese Wut- Horror- Szenarien aus meinem Kopf bewahrheitet. Übrig blieb ich, mit dem Gedanken „War ja doch nicht so kacke.“ und dem Gefühl, dass ich mir diesen hausgemachten Ärger auch hätte sparen können.
Ich stellte mir also die Frage: Was ist Wut und wozu ist sie überhaupt gut?
Wut entsteht immer dann, wenn unsere persönlichen Grenzen überschritten werden und/ oder wenn wir von großer Unzufriedenheit in einem oder mehreren Bereichen unseres Lebens geplagt werden. Daraus resultiert auch, wozu die Wut da ist: Sie sagt uns, wo etwas nicht in Ordnung ist und treibt uns an, etwas dagegen zu tun. Um die eigene, geistige und körperliche Gesundheit zu wahren, ist Wut also in gewissem Maße sogar notwendig.
Mir fiel es immer schwer, meine persönlichen Grenzen abzustecken und für ebendiese einzustehen. Das hatte zur Folge, dass oftmals Grenzen überschritten wurden. So brauche ich beispielsweise eine gewisse Zeit am Tag nur für mich allein, in Ruhe, damit ich klar denken kann. Klar geht es ab und an mal ohne diese Zeit, aber nicht über mehrere Tage. Dann bin ich gereizt und unausgeglichen. Von diesen kleinen Grenzen gibt es, wie bei jedem Menschen, unfassbar viele. Bei jedem sind diese Grenzen ein wenig anders, also ist es wichtig, darüber zu reden. Ich konnte das nicht und bin so über die Jahre wirklich empfindlich geworden. Es fühlt sich für mich nun übermäßig schnell nach einer Grenzüberschreitung an, obwohl es das häufig nicht ist. Ein gutes Beispiel hierfür: Ich sitze auf der Couch und schaue einen Film. Nebenan niest jemand sehr laut. Sofort keimt in mir der erste Ärger auf: Warum stört sie mich beim Film?! Einen Moment später wird mir klar: Meine Reaktion, allein der Gedanke, ist völlig überzogen.
Was ist also los, wenn wir uns immer und ständig aufregen, ohne triftigen Grund?
Oftmals liegen die Gründe dafür nicht offen ersichtlich auf dem Silbertablett herum. Man muss hinter die eigene Wut schauen, um zu erkennen, was sie sagen möchte.
Wir sind sauer, weil unsere Kinder aus Versehen ein Glas umkippen? Vielleicht wurden wir selbst als Kinder dafür übermäßig gemaßregelt.
Wir reagieren gereizt, wenn jemand in der Öffentlichkeit laut lacht? Vielleicht werten wir das als persönlichen Angriff, weil wir selbst heute ein Bedürfnis nach mehr Ruhe haben.
Wir denken uns „Was guckt die denn so blöd?“ und werfen einen bösen Blick zurück, obwohl die Frau da vorne einfach nur freundlich lächelt? Vielleicht haben wir in der Vergangenheit Missachtung erfahren und erwarten nun von jedem eine gewisse Portion davon.
Diese Beispiele zeigen ein überhöhtes, unberechtigtes Maß an Wut. Ärgern uns all die kleinen Dinge und Gegebenheiten, die der Alltag mit sich bringt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Oft haben wir selbst in der Vergangenheit Verletzungen und Grenzüberschreitungen erfahren, die wir nicht richtig verarbeiten konnten. Das wiederum führt zu Frustration und erhöhter Sensibilität.
Für mich war es schon befreiend, überhaupt zu erkennen, wann meine Wut berechtigt ist und wann nicht. Dazu ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln. Sobald ich merke, dass Wut in mir hoch kommt, frage ich mich zunächst: Was genau macht mich denn jetzt wütend? Ist es wirklich das umgekippte Glas Wasser oder ist es der alte Schmerz, der da wieder hoch kommt, weil ich für dieses Versehen so viele Male ausgeschimpft wurde? Dabei muss ich feststellen, dass es eben nicht das verschüttete Wasser ist, sondern wirklich der Schmerz von damals. Habe ich das erkannt, flacht die Wut auch sofort wieder ab. Alles, was die Wut in diesem Moment sagen wollte, war: Schau mal, da tut dir noch was weh, von damals.
Hinter die Wutfassade zu schauen ist definitiv aufschlussreich. Mit ein bisschen Übung wird man immer besser darin, zu erkennen: Ist meine Wut berechtigt oder nicht? Macht gerade wirklich der andere etwas doofes oder kommen da irgendwelche Bilder aus der Vergangenheit hoch, die ich projiziere?
Es gibt natürlich auch die berechtigte Wut, beispielsweise, wenn persönliche Grenzen überschritten werden oder wenn etwas beleidigendes/ verletztendes gesagt wird. In solch einem Moment ist es wichtig und vor allen Dingen produktiv, die eigene Wut darüber klar zu kommunizieren. Das darf auch mal in eine lauteren Stimmlage passieren, solange die Botschaft deutlich bleibt. Es macht nämlich einen Unterschied, ob ich sage:
„Du Arsch, immer bist du so laut und nervig!“ (Das Gegenüber fühlt sich beleidigt und verletzt)
oder, ob ich sage:
„Du Arsch, ich möchte mich konzentrieren, jetzt lass mich in Ruhe!“ (Das Gegenüber erkennt, dass ich hier ein Bedürfnis nach Ruhe habe und nicht gestört werden möchte).
Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass mein Leben ruhiger und entspannter geworden ist. Es ist ein bisschen so, als hätte ich nach vielen Jahren, in denen ich die falsche Brille getragen habe, nun eine aufgesetzt, die mich wirklich klar sehen lässt.
Als wichtige Erkenntnisse können wir also folgendes mitnehmen:
- Wut ist wichtig, um die eigenen Grenzen erkennen und wahrnehmen zu können
- Wut schützt uns vor Verletzungen in vielerlei Hinsicht
- Bist du immer und ständig wütend? –> Vielleicht hast du in deiner Vergangenheit etwas erlebt, was dich heute noch wütend werden lässt
- Wut kann unberechtigt sein –> Perspektive wechseln!
- Wut kann berechtigt sein –> Kommuniziere klar und deutlich, dass gerade eine Grenze überschritten wurde/ du dich verletzt fühlst/ etc.