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„Stell dich nicht so an“

„Stell dich nicht so an“ ist ein Satz, den es immer mal wieder zu hören gibt im Leben. Schon Kleinkindern wird gesagt, sie mögen sich doch bitte nicht so anstellen, wenn beispielsweise das Brot falsch geschnitten wurde. Häufig fällt dieser Satz aber auch unter Frauen- speziell bei Müttern. So predigen die älteren Mama- Generationen vielleicht „Ihr stellt euch heutzutage so an, früher hatten wir es viel schwerer!“ oder auch „Sei doch froh, dass dein Mann auch mal eine Windel wechselt, bei uns hätte es das ja nie gegeben!“. Das, was diese Sätze bewirken können, geht in viele Richtungen. Bei jungen Müttern führen diese oft zu Verunsicherungen.

Bin ich zu schwach? Habe ich mich überschätzt? Bin ich einfach nicht (gut) genug?

Gerade als frisch gebackene Mama, in einer Zeit, in der sowieso alles im Wandel ist und das ganze Leben um 180 Grad gedreht wird, tun solche Sätze weh. Die anfängliche Zeit der Verunsicherung, die oft verbunden ist mit Selbstzweifeln, wird so zu einer Zeit der Verzweiflung und Selbstzweifel. Heimlich werden bittere Tränen geweint, aber nicht nach außen gezeigt- denn noch mehr Schwäche zuzugeben, gleicht in diesem Falle einem emotionalen Suizid.

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Doch warum sollen wir uns eigentlich „nicht so anstellen“?

Im Patriarchat lebt es sich als Frau unfassbar ungemütlich. Gab es zu Beginn der Zeitgeschichte noch eine relative Gleichwertigkeit der Geschlechter, ist diese recht schnell abhanden gekommen (bereits ein paar Jahrtausende v.Chr.). Ein Sprint durch die Geschichte zeigt: Ja, im Vergleich zu „früher“ haben wir es heute, als Frauen, schon besser. Wir dürfen wählen, langsam und schleppend kommen mehr und mehr Gesetzte zum Schutz der Rechte von Frauen, und nicht zuletzt dank social media schließen Frauen sich immer mehr zusammen und werden laut. Wir stellen fest, dass wir gar nicht allein sind, sondern dass es vielen ähnlich geht wie uns selbst. Wirklich langsam finden auch erste Veränderungen der klassischen Rollenbilder statt; so gibt es vereinzelt Männer, die den Großteil der Carearbeit erledigen, Regenbogenfamilien mehren sich, Begriffe wie „mental load“ und „gender pay gap“ werden diskutiert. Aber reicht das alles aus, um von einer eklatanten Besserung zu sprechen? Nein!

Wir müssen uns anstellen, beschweren und laut sein. Wir müssen immer wieder auf die Missstände hinweisen, denn davon gibt es noch genug. Frauen haben heute zwar wesentlich mehr Möglichkeiten als Frauen der vorherigen Generationen, aber die Rechtslage ist weiterhin dürftig und die Erwartungshaltung der Gesellschaft schier nicht realistisch. An sehr vielen Stellen stecken wir so tief drin im Patriarchat, dass wir den Weg da raus kaum sehen können. Reichte es in der Generation meiner Mutter beispielsweise aus, als Frau die Kinder zu hüten und den Haushalt zu schmeißen (also pro Kind etwa eine Vollzeitstelle plus 24/7 Rufbereitschaft), so kommt heute beispielsweise hinzu, dass Frau nebenher noch Karriere machen soll, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. Außerdem sollte Frau regelmäßig Sport treiben, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen und generell ist es doch gar nicht so schwierig, auf zehn Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Bei ungleicher Bezahlung und weniger Karriereaufstiegschancen für Frauen (vor allem für Mütter), ist das schon ein närrischer Gedanke. Wir stellen uns also heutzutage völlig zurecht in vielen Dingen an- weil es weder machbar noch gesund ist, allen Erwartungen gerecht werden zu wollen.

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Warum sagen denn dann überhaupt noch Menschen, dass wir uns nicht so anstellen sollen?

Ich glaube, dahinter steckt eine Menge Wut und Frust, resultierend aus Jahrtausende währendem Patriarchat. Denn heute haben wir vielerorts (längst nicht überall) die Möglichkeit, laut zu sein und mehr zu fordern, auf Probleme hinzuweisen. Früher ging das nicht. Frauen waren den Großteil der Zeitgeschichte lang ökonomisch komplett abhängig vom Mann, wurden mit Hilfe von Gewalt unterdrückt und gebunden. Sich in solchen Zeiten laut zu beklagen, hätte zu Bestrafung und noch mehr Abhängigkeit geführt, im schlimmsten Falle zum Tod. Ein Teufelskreis, der sich in vielen Teilen der Welt heute noch dreht. Diese Wunden, die da bei den Frauen entstanden sind, und über Jahrtausende immer wieder Fortbestand gefeiert haben, sind tief und kaum heilbar. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Das Leid, dass viele Frauen ertragen mussten und auch heute noch müssen, ist unvorstellbar.

Ich bin also der Überzeugung, dass die älteren Generationen es insgeheim feiern, dass wir uns heute „so viel anstellen“. Denn das bringt uns vorwärts, das bringt uns Veränderung.  Indem wir das tun, legen wir aber auch immer wieder den Finger in alte, tiefe, unverheilte Wunden. Das tut weh, vor allen Dingen denjenigen, die diese Wunden unsichtbar und gut versteckt tragen. Die Reaktion wird also verständlich: Indem ich einen Zustand beklage, der zwar etwas besser ist als früher (aber nach wie vor kacke), popele ich mit meinem Finger in den Wunden einer anderen Frau herum. Das schmerzt und führt sicherlich nicht zu Freudentanz, sondern eher zu bösen Blicken und Missgunst. Ähnlich ist es, wenn man anderen Menschen auf einen sichtbaren, blauen Fleck rumdrückt, nur um zeitgleich zu fragen: „Tut es denn weh?“

Es gab früher schlichtweg weniger Möglichkeiten, sich zu vernetzen und Leidensgenossinnen zu finden. Es war zu gefährlich und riskant, es gab kein Sicherheitsnetz, kaum Rechte. Die meisten litten für sich allein, waren einsam, wurden unterdrückt. Über ganze Leben hinweg wurden Frust und Wut angesammelt, um schließlich an folgende Generationen weitergegeben zu werden. Das gibt es heute zwar auch noch, aber ganz langsam finden Frauen wieder Wege zueinander und stellen fest, dass sie alle im selben Boot sitzen.  

Durch Aufklärung, Digitalisierung und Globalisierung sind wir wieder lauter geworden. Wir finden als Frauen schneller und einfacher zueinander und merken: Wir alle stehen vor ähnlichen Problemen und endlich gibt es Plattformen, auf denen wir uns begegnen und darüber austauschen können. Wir haben die Möglichkeit uns „anzustellen“, weil wir gemeinsam feststellen können: Es ist verdammt hart, in einer patriarchalen Gesellschaft Frau und Mutter zu sein. Das war es schon immer- aber erst jetzt kommt die Zeit, in der Frauen sich wieder zusammenschließen und in der es zumindest nicht mehr so gut verhindert werden kann, DASS Frauen überhaupt etwas sagen.

Auch damals war das Leben als Frau schon hart- mit Sicherheit auch härter als heute-  es wurde nur nie, bzw. höchst selten, darüber gesprochen. Die Isolation während des Lockdowns in der Pandemie mag für viele unerträglich gewesen sein, aber unzählige Frauen kennen dieses Gefühl schon seit Jahrtausenden.

Ich habe Verständnis und empfinde Mitgefühl für die Frauen, die heute sagen, unsere Generation sei weniger belastbar und würde sich anstellen. Denn diese Frauen hatten keine andere Wahl, als sich einen möglichst harten Panzer anzulegen. Diese Frauen tragen noch heute Lasten, deren Schwere nur zu erahnen ist. Im Endeffekt geht es nämlich nicht darum, wer es wann schwerer hatte, sondern darum, Verständnis und Mitgefühl füreinander aufzubringen. Nur dann können wir gemeinsam und stark neue Wege gehen.

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