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Die eigene Sprache ändern

Neulich las ich bei Heike Gerkrath in der Story, dass sie selbst ein Mensch sei, “die viele „Weichspüler“ in ihren Texten und ihrem Sprechen benutzt““. Das hatte mich sofort gepackt, denn auch ich benutzte Weichspüler. Bis jetzt.

Warum habe ich das gemacht?

Für diese Frage habe ich gleich zwei Antworten:

  1. Ich will unbedingt richtig verstanden werden
  2. Ich habe Angst zu missfallen

Mit der ersten Antwort habe ich kein Problem. Ich will tatsächlich richtig verstanden werden, gleichwohl ist mir bewusst, dass es manchmal Kommunikationsprobleme gibt, die das verhindern und dass manche Menschen gerne Dinge falsch verstehen möchten. Auch kann ich mich vor Missverständnissen nicht schützen – diese lassen sich aber klären. Was mich viel mehr stört, ist diese Angst zu missfallen, weil sie mir bis dato nämlich gar nicht bewusst war. Ängste sind ein großes Thema für sich, aber eines weiß ich: Unbewusste Ängste wirken unbewusst auf mich. Das heißt, diese Angst zu missfallen hat mein Sprechen und Schreiben stark beeinflusst.

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Die Folgen meines unbewussten Weichspülens

Zunächst einmal hat diese unbewusste Angst eine weitere, für mich spürbare Angst, hervorgerufen: Die vor Sichtbarkeit. Ich war und bin eine introvertierte und stille Person, aber ganz oft bin ich auch dann still gewesen, wenn ich es gar nicht wollte. In der Schule zum Beispiel: Oftmals wusste ich die Antwort, war mir aber nicht hundertprozentig sicher. Also zeigte ich entweder gar nicht auf, oder erst viel zu spät – just in dem Moment, als ein*e Mitschüler*in aufgerufen wurde. Das hatte zur Folge, dass ich schon in der Grundschule häufig eine Note schlechter stand, als es mir möglich gewesen wäre. Mir wurde häufig gesagt, ich könne so viel mehr, als ich zeigte. Ich schenkte dem aber keinen Glauben und fühlte mich zusehends von der Leistungsgesellschaft erdrückt. So überrascht es mich wenig, dass ich das Gymnasium nach der 12. Klasse (damals brauchte es noch 13 Jahre bis zum Abitur) beendete, um eine Ausbildung zu machen, weil „nie im Leben will ich studieren!“. Viele meiner Lehrer*innen verstanden meine Entscheidung nicht und versuchten, mich zum Weitermachen zu animieren – ohne Erfolg.

Die Ausbildung zur Krankenschwester, oder, wie es richtig heißt: zur Gesundheits – und Krankenpflegerin hingegen verlief super. Auch hierfür gibt es Gründe: Zum einen interessierten mich die Ausbildungsinhalte nahezu ausnahmslos sehr. Zum anderen konnte ich hier etwas weniger Johanna sein und mehr die Rolle „Krankenschwester“ einnehmen. Mir Kompetenz anzulernen und damit zu glänzen, funktioniert also.

Ungefähr zehn Jahre später sitze ich nun an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Text. Das Schreiben ist, was mich ausmacht. Und hier bin ich eben allein. Hier gibt es mich und meine Worte. Und es gibt unzählige Texte, die ich nie veröffentlicht habe, weil immer diese eine, große Unsicherheit im Vordergrund stand: Ist das denn gut genug? Will das überhaupt wer lesen? Noch nicht einmal meinen engsten Freundinnen oder Familienmitgliedern zeige ich gern meine Texte. Immer schwingt die Angst mit: Könnte ich jemanden damit verletzen? Stimmen alle Daten und Fakten?

Oftmals überarbeite ich meine Texte dann, immer und immer wieder – nur, um sie dann doch nicht zu veröffentlichen. Oder ich recherchiere mich zu Tode, damit ich jedes einzelne Wort wissenschaftlich belegen kann (Spoileralarm: das funktioniert nicht).

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Was das mit mir als Frau zu tun hat

Ich bin recht frei erzogen worden. Ich durfte immer viel, was meine Freundinnen nicht durften und wurde oft beneidet. Aber ich wurde auch in eine patriarchale Leistungsgesellschaft hinein sozialisiert und stehe jetzt mit an einem Punkt, an dem die globale Digitalisierung explodiert.

In einer patriarchalen Gesellschaft wiegt das Wort einer Frau eben nicht so viel, sie selbst am besten auch nicht. Und in einer solchen Gesellschaft sollen Frauen halt auch höflich und nett sein und immer freundlich und auf gar keinen Fall haben sie eine kritische Meinung. Falls sie diese doch haben, will sie keiner hören. Und wenn sie dann lauter werden, dann haben die bestimmt alle ihre Tage oder sind untervögelt. Und überhaupt, wozu brauchen Frauen eine kritische, schwere Sprache: In den Führungspositionen haben sie doch eh nichts verloren und in der Politik, naja…

Wie so viele andere auch, wollte ich gefallen. Ich wollte Männern gefallen, denn irgendwie war unterschwellig immer das Ziel: Heiraten und Kinder kriegen. Und Männer mögen eben keine wortreichen, kritischen Frauen. Lieb und nett sein, das war die Devise. Irgendwo anecken wollte ich auch nicht, bloß kein Aufsehen erregen, denn eines hatte ich nie gelernt: Eine Meinung zu haben und diese auch zu vertreten. Mein größter Albtraum war es also, irgendetwas zu sagen und mich dann verteidigen zu müssen, denn dann passierte Folgendes: Entweder ich erstarrte zu Eis, wurde rot und stammelte wirr vor mich hin. Oder ich ruderte sofort zurück und versuchte, abzuwiegeln und schönzureden.

Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der mich Frau sein lässt und meine Meinung schätzt und hören will. Und in Gesprächen mit genau diesem Mann ist mir auch aufgefallen: Ich will gefallen, um jeden Preis. Selbst im Streit, wenn ich doch einen sehr klaren Standpunkt habe, benutze ich Weichspüler. So kommt es, dass ich mich zuweilen total in meinen eigenen Gedanken verheddere – bloß niemandem ans Bein pinkeln! – und gar nicht mehr weiß, was eigentlich das ursprüngliche Problem war. Zurecht fragt mein Partner dann irgendwann völlig entnervt: „Sag mal, was willst du jetzt eigentlich genau von mir?“

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Ja, was will ich denn?

Ich will klare Worte aussprechen, ohne weichzuspülen, ohne allen möglichen Menschen gefallen zu wollen. Ich will in eine Haltung kommen, in der ich sagen kann: Ja, vielleicht ecke ich hier und da mal an. Und das ist auch okay so. Ich darf anecken, ich darf meine Meinung sagen und ich darf ganz klar für meine Werte einstehen.

Unsere Gesellschaft braucht starke Frauen, die sich gut ausdrücken können. Dass Frauen kompliziert und schwer zu verstehen seien, leuchtet ein, in Anbetracht der Tatsache, dass ich sicherlich nicht die Einzige bin, die zwischen Gefallenwollen und auf den Tisch hauen auf ihrem Weichspüler ausrutscht. Manchmal verstehe ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte, vor lauter herumreden und nett lächeln.

Für mich ist damit jetzt jedenfalls Schluss. Ich benutze keinen Weichspüler mehr, der ist eh nur umweltschädlich. Ich lasse meine Texte so, wie sie sind. Ich sage, was ich denke. Ich habe eine Meinung und ich habe viel zu sagen. Ich will weiterhin gefallen, aber vor allem einer Person: mir selbst.