Allgemein · Persönlichkeit

Meine Ziele für 2024

Sozialer Druck funktioniert in viele Richtungen, positiv wie negativ. Ich möchte an dieser Stelle den positiven Druck nutzen und meine Ziele für das Jahr 2024 öffentlich machen. Doch zunächst blicke ich auf das Jahr 2023 zurück.

Für mich startete es ziemlich aufregend, denn Anfang des Jahres habe ich mein zweites Kind zur Welt gebracht. Die Geburt verlief ganz wunderbar, das Wochenbett retrospektive nicht so sehr. Nahmen Außenstehende durchaus meinen Stress wahr, habe ich davor noch gekonnt die Augen verschlossen. So wunderte es mich sehr, dass auch dieses Mal meine Stillbeziehung zum Baby nur von sehr kurzer Dauer war und damit gleichzeitig auch sehr verletzend für mich. Ich weinte viele Tränen, begann aber alsbald, nach vorne zu schauen.

Schneller als ursprünglich geplant, startete ich also wieder zurück mit meiner Selbstständigkeit und schwankte ein paar Monate lang zwischen „es macht so viel Spaß!“ und „es ist mir viel zu anstrengend!“. Dennoch kam ich meinen eigenen Problemen nicht wirklich auf die Spur.

Gegen Ende des Jahres folgte dann, nach einem kurzen Hochgefühl, mein tiefer Fall. Die Erschöpfung, die mich schon seit Jahren (!!!) treu begleitete, gipfelte in einem depressiven Höhepunkt. Auslöser war ein Familienstreit, der dafür sorgte, dass all meine persönlichen Betriebssysteme ausfielen. Ich musste mir eingestehen, dass ich schon länger nicht mehr Herrin der Lage war. Ich stattete also kurz vor den Feiertagen meinem Hausarzt noch einen Besuch ab und ließ mir helfen. Die Schlafstörungen hatten zu sehr die Überhand gewonnen, meine Laune war von früh bis spät einfach nur schlecht. Meine Kraft schwand von Tag zu Tag mehr. Das Schlimmste an der Sache für mich: Ich konnte die Zeit mit meinen Kindern nicht mehr genießen.

Für das nächste Jahr werde ich mir einen Therapieplatz suchen. Ich bin gut in der Hilfe zur Selbsthilfe, aber ich kann trotzdem noch etwas Unterstützung gebrauchen. In den letzten Jahren war viel los, was ich noch aufarbeiten möchte. Was mir aktuell guttut, ist, Pläne für das neue Jahr zu schmieden. Die meisten davon haben mit meinem Wirken als Schriftstellerin zu tun.

Ich schreibe schon seitdem ich schreiben kann. Wenig poetisch, dafür wahr. Ich möchte endlich mehr aus meinem Talent machen und ich habe festgestellt: Ich will ins Rampenlicht. Komisch, das zu schreiben. Ich wurde nämlich anders sozialisiert.

Mit dem Schreiben berühmt werden? Damit auch noch Geld verdienen? Das können andere, aber du nicht.

Ich glaube aber mittlerweile, dass ich das eben doch kann. Ziele brauchen Zahlen, hier also meine Zielzahlen für das neue Jahr:

1000 Follower auf Insta/ Threads

50 AbonnentInnen auf meinem Blog

Ich möchte irgendwann meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen können und ich glaube, dass das trotz (oder gerade mit Hilfe von) KI auch heutzutage noch möglich ist. Ich merke schon seit längerer Zeit, dass ich super viele Ideen für Texte habe und dass dieser Ideenstrom auch nicht abreißt, ganz im Gegenteil. Sobald ich mich mit einer Thematik etwas näher auseinandersetze, tauchen drei neue Themen auf.

Mein Problem ist eher die Struktur und das Planen. Das habe ich beides bisher total vernachlässigt, das ist ab 2024 anders. Es gibt einen Jahresplan, passend zu meinen Jahreszielen. Bisher habe ich das Schreiben immer so nebenbei gemacht, für mich selbst und manchmal auch, ganz ganz vorsichtig, für die Außenwelt. Ich bin bereit für mehr. Ich bin bereit für Sichtbarkeit.

Im vergangenen Jahr habe ich gelernt, mit Kritik umzugehen. Ich habe gelernt, dass Kritik nicht schlimm ist und auch nicht weh tut, sondern dass sie mich weiterbringen kann. Das hat mir Mut und Kraft gegeben, jetzt aktiv in die Sichtbarkeit zu gehen.

Mein Themenschwerpunkt ist und bleibt die Frau. Ich habe verschiedene Themengebiete für das Jahr geplant, unter anderem PMS, Muttertät, Zykluswissen und vieles mehr. Ich bin aber auch offen für Themenwünsche – meldet euch dazu gern per Mail.

Ich freue mich, wenn du mich begleitest.

Ich bin bereit.

Du auch?

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Meine spontane Instagram- Pause

Es kommt auf die Perspektive an, wie so oft.

In den letzten Wochen fühlte ich mich vom Leben überrollt. Es hatte den Anschein, als würde an jeder Ecke neuer Stress auf mich warten, um die nächste Kurve das nächste Hindernis. Ich konnte nicht mehr klar denken- was für kreative und stark fühlende Menschen wie mich ein riesiges Desaster ist. Ich wurde immer unausgeglichener, kratzbürstiger und unfairer- vor allem meiner Familie gegenüber. Die Zeit arbeitete gegen mich, als hätte jeder einzelne Tag immer ein paar Minuten weniger als der vorherige, bis am Ende nichts mehr übrigblieb. Außer natürlich überfüllter To- Do- Listen, unerfüllten Wünschen und missachteten Bedürfnissen, davon gab es eine Menge. Ich sehnte mich also nach einer Pause, irgendwo, irgendwie. Das musste doch möglich sein. Warum fiel meine Wahl auf Instagram?

Mir war aufgefallen, dass ich, je stressiger und voller meine Tage wurden, immer mehr mit rumscrollen auf Instagram beschäftigt war. Ich schleppte mein Handy mit zum Klo, legte es beim Kochen nicht aus der Hand und während ich versuchte ein Buch zu lesen, hielt ich es fest, als hinge mein Leben davon ab. Ein Auge auf das Papier gerichtet, das andere aufs Smartphone. Ich war wirklich darüber verärgert, dass mein Handy nicht wasserdicht ist und ich es beim Duschen nicht durchforsten konnte. Irgendwann stellte ich mir selbst die Frage: Was zur Hölle mache ich da und was will ich da eigentlich finden? Entspannung? Ruhe? Die ultimative Lösung für all meine Probleme?

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Spoileralarm: Nichts davon ist auf social media zu finden, jedenfalls nicht für mich. Es war mehr eine Kurzschlussreaktion als eine geplante Tat, aber eines Sonntagabends lag ich im Bett und googelte, wie ich meinen Account vorübergehend deaktivieren konnte. Gelesen, getan. So lag ich nun da, mit dem Handy in der Hand, welches zum ersten Mal seit vielen Monaten (vielleicht auch Jahren, ich weiß es nicht) Ruhe gab. Ich fühlte sofort eine Art der Erleichterung, denn jetzt konnte ich nicht nichts mehr verpassen. Ich verpasste alles und das war, seltsamerweise, okay für mich. Da sickerte auch schon die erste Erkenntnis zu mir durch: Ich hatte fomo! Fear of missing out, was übersetzt in etwa „Angst, etwas zu verpassen“ bedeutet. Ständig dachte ich, mir würde etwas Wichtiges entgehen. DER Storyslide, DER Beitrag, DER Skandal, DIE Lösung. Das alles fiel plötzlich weg. So entstand eine riesige Lücke in meinem Kopf. Eine Lücke, die bisher angefüllt war mit Lebensentwürfen von anderen Menschen, mit Lebenswegen, die nicht meine waren, mit dem Ansporn, es doch auch irgendwie schaffen zu müssen, weil die anderen Menschen schaffen das doch auch so easy- das konnte ich ja jeden Tag sehen.

Natürlich schaffen diese anderen Menschen das alles nicht so leicht. Viele von ihnen betonen und zeigen auch immer wieder, dass es eben oft problematisch und beschwerlich ist. Aber ich wollte nur die schönen Dinge sehen und dachte, das will ich auch. Ich dachte, ich könnte alles haben und versuchte, mir meinen Lebensweg aus den Wegen der anderen gewaltvoll zusammenzuzimmern. Das hat glücklicherweise nicht funktioniert- wie auch?

Da war also diese Lücke in meinem Kopf. Ich lag im Bett und wusste nichts mit mir anzufangen. Normalerweise würde ich so lange auf Instagram rumscrollen, bis mir die Augen brannten und ich mich erschöpft zur Seite drehte, um zu schlafen. Nur um am nächsten Morgen, als erste Amtshandlung, wieder nachzuschauen, ob ich über Nacht irgendetwas versäumt habe.

An diesem Abend war das nicht so. Ich wälzte mich unruhig hin und her und entschied mich irgendwann dazu, einen Einschlaf- Podcast zu hören. Siehe da: Ich konnte mich von Alltagsgeräuschen einfangen und sanft in den Schlaf tragen lassen. Fast ganz ohne mein sonst stattfindendes abendliches Gedankenkreisen.  

Am nächsten morgen wachte ich beschwingt auf und stellte fest: So ein Morgen kann ja recht entspannt verlaufen, wenn man nicht bei jedem Schritt aufs Handy glotzen muss! Plötzlich war da so viel Zeit, die ich vorher nicht hatte. Ich machte mir Entspannungsmusik an, kochte eine Kanne Tee, entzündete Kerzen und schrieb in mein Tagebuch. Das hat sich übrigens seitdem so etabliert als meine Morgenroutine. Anstatt das bisschen kinderfreie Zeit, was ich dann und wann bekomme, mit hektischem Story- Schauen und Beitrags- Überfliegen zu verbringen, nahm ich mir Zeit für mich. Ich begann auf diese Art, meine Gedanken morgens erst einmal zu ordnen. Ich ließ Groll und Wut auf das Papier fließen, entdeckte Hoffnungen und Träume, schmiedete Pläne und sah, wie sich der geistige Nebel lichtete.

Ich weiß, dass Tagebuch schreiben mir hilft, mich zu sortieren, das ist nichts neues. Es fehlte mir schlichtweg die Zeit dazu.

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In den ersten Tagen taten sich viele kleine und große Zeitfenster auf. Normalerweise vollgestopft mit dem Konsum von sozialen Medien, entstanden Räume, andere Dinge zu tun. Ich nahm ein Buch zur Hand und las. Ich beschäftigte mich intensiver mit meinem Kind. Ich brachte die To- Do- Liste auf den neuesten Stand und besprach mich viel mit meinem Mann. Ich merkte recht schnell, dass ich ausgeglichener war und wieder klarer denken konnte. Monatelang war es mir schwergefallen, Prioritäten zu setzen, denn irgendwie erschien ALLES so wichtig. Logisch, denke ich mir jetzt: Ich sauge das, was ich auf social media konsumiere, auf, wie ein Schwamm. Ich bin sehr reizoffen, was in diesem Falle bedeutet, ich denke nachhaltig über gelesenes und gesehenes nach, ich gleiche ab, versuche herauszufiltern, was für mich auch passen könnte und bilde mir Meinungen- zu so vielen verschiedenen Themen, dass am Ende gar keine klare Meinung mehr übrigblieb. Da war nur noch ein Potpourri aus fremden Stimmen in meinem Kopf. Ich stellte meinen eigenen Lebensentwurf in Frage, denn müsste da nicht noch mehr gehen? Kann ich nicht was optimieren? Sollte ich es mal probieren wie Person XY, denn dort hat es schließlich auch funktioniert?

Als ich Instagram den Rücken kehrte, konnte ich recht schnell meinen eigenen, ganz persönlichen Weg wieder sehen. Von Tag zu Tag fiel mir das mit den Prioritäten setzen und dem Lösungen finden immer leichter. Ich hatte nicht nur physische Zeit gewonnen, sondern auch kostbare Denkzeit.

Mein persönliches und gedankliches Chaos ließ sich aufräumen, ich wurde immer klarer. Ich erkannte meine eigenen Grenzen wieder und lerne immer noch, für diese einzustehen und vor allen Dingen sie auch selbst zu achten. Ich missachte häufig meine eigenen Grenzen und tue Dinge, die mir nicht guttun. Manchmal geht es nicht anders. Manchmal hingegen schon, da geht es durchaus anders. Nur konnte ich das nicht sehen, gefangen in einer Art mentaler Konsumsucht.

Gestern Abend habe ich dann beschlossen, dass es Zeit ist für meine Rückkehr. Ich fühle mich stabil, nicht mehr so getrieben und bisher habe ich lediglich kurze Zeit dort verbracht, um Nachrichten zu beantworten und ein Lebenszeichen zu schicken. Der Drang, alles sofort nachlesen und anschauen zu müssen, blieb aus. Stattdessen kann ich mit den Schultern zucken und sagen: „Etwas lebenswichtiges werde ich wohl gerade nicht verpassen“. Ich finde social media wichtig, auf vielen Ebenen. Es dient dem Austausch, dem Networking, als Fenster zur Außenwelt und ich weiß, dass es für viele Personen noch viel mehr ist als all das.

Entscheidend ist der Umgang mit social media und dieser lässt sich eben nicht pauschalisieren. Manche Menschen können unbeschadet den ganzen Tag auf diversen Plattformen verbringen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Andere Menschen können das gar nicht und wieder andere befinden sich irgendwo dazwischen. Ich plädiere also weder für das eine Extrem, noch für das andere. Ich plädiere für einen bewussten, individuellen Umgang.

In meinem Fall sieht das beispielsweise ab jetzt so aus: Mehr gezielte Nutzung, weniger zweckloser Konsum. Ich brauche soziale Medien für meine Präsenz als selbstständige Frau, zur Kundenakquise und zum Networking. Ich erstelle also ab jetzt Pläne, was ich wann posten möchte und schaue bei weniger Profilen aktiv rein. Die Konsumzeit begrenze ich für mich, denn ich habe gelernt, dass mir das nicht guttut. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Ein bisschen Wehmut ist dabei, denn ich folge vielen großartigen Frauen, die durchweg kluge Dinge sagen und wichtige Standpunkte vertreten.  Aber mein Leben findet auf keiner Plattform statt, sondern im hier und jetzt. Ich habe erkannt, dass ich ein Mensch bin, der schnell von einem Thema und fremden Meinungen angezogen und aufgesaugt wird. Das ist keine Schwäche, sondern in vielen Bereichen eine Stärke. Dadurch ist es mir möglich, unzählige Perspektiven anzunehmen und Sachverhalte aus allen Ecken und Winkeln zu betrachten. Das möchte ich ab jetzt für mich und für andere Nutzen und nun weiß ich auch, wie ich mich dabei selbst nicht verliere und im Fokus bleibe: Ich setze Grenzen und nehme mir Pausen.

Die Auszeit von Instagram hat meine To- Do- Liste nicht gekürzt oder mir meinen Stress genommen, geschweige denn meine Probleme gelöst. Sie hat allerdings dafür gesorgt, dass ich das Ganze nun aus einem anderen Blickwinkel sehen kann und wieder auf meinem ganz eigenen Weg gehe.

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Wut

Schon lange beschäftigt mich das Thema Wut. Wut war meine ständige Begleiterin. Es gab kaum einen Tag, an dem sie nicht ihren Arm um mich legte und mich begleitete. Sie sorgte dafür, dass ich mich immer und ständig über alles aufregen konnte. Sie befeuerte die Streitgespräche, die ich in meinem Kopf führte. Ihr gingen niemals die Argumente aus, warum eine Sache es wert war, bewütet zu werden.

Das war ziemlich zermürbend. Anstrengend. Auslaugend. Und vor allen Dingen auch total unbegründet. Wer hat denn was von diesen Streitgesprächen, die niemals stattgefunden haben und auch nicht stattfinden werden? Was bringt es mir, wenn ich mich über alles aufrege? Und woher, verdammt nochmal, kommt diese Wut eigentlich?

Das ganze einfach abstellen, funktionierte aber auch nicht. Das hatte ich schon unendlich viele Male versucht, ohne Erfolg. Das schlimmste daran war und ist, dass so eine Denkweise eine ziemlich fette Abwärtsspirale darstellt: Es beginnt mit einer kleinen Aufregung, steigert sich zu einem Ärgenis und kocht dann hoch zu echten Wutgefühlen, die mir manchmal den ganzen Tag versauten.

Es gab viele Situationen, in denen ich mich auf ein Treffen oder ein Ereignis gefreut hatte und wo meine innere Wut mir dann die Freude verdorben hat. Nie haben sich diese Wut- Horror- Szenarien aus meinem Kopf bewahrheitet. Übrig blieb ich, mit dem Gedanken „War ja doch nicht so kacke.“ und dem Gefühl, dass ich mir diesen hausgemachten Ärger auch hätte sparen können.

Ich stellte mir also die Frage: Was ist Wut und wozu ist sie überhaupt gut?

Wut entsteht immer dann, wenn unsere persönlichen Grenzen überschritten werden und/ oder wenn wir von großer Unzufriedenheit in einem oder mehreren Bereichen unseres Lebens geplagt werden. Daraus resultiert auch, wozu die Wut da ist: Sie sagt uns, wo etwas nicht in Ordnung ist und treibt uns an, etwas dagegen zu tun. Um die eigene, geistige und körperliche Gesundheit zu wahren, ist Wut also in gewissem Maße sogar notwendig.

Mir fiel es immer schwer, meine persönlichen Grenzen abzustecken und für ebendiese einzustehen. Das hatte zur Folge, dass oftmals Grenzen überschritten wurden. So brauche ich beispielsweise eine gewisse Zeit am Tag nur für mich allein, in Ruhe, damit ich klar denken kann. Klar geht es ab und an mal ohne diese Zeit, aber nicht über mehrere Tage. Dann bin ich gereizt und unausgeglichen. Von diesen kleinen Grenzen gibt es, wie bei jedem Menschen, unfassbar viele. Bei jedem sind diese Grenzen ein wenig anders, also ist es wichtig, darüber zu reden. Ich konnte das nicht und bin so über die Jahre wirklich empfindlich geworden. Es fühlt sich für mich nun übermäßig schnell nach einer Grenzüberschreitung an, obwohl es das häufig nicht ist. Ein gutes Beispiel hierfür: Ich sitze auf der Couch und schaue einen Film. Nebenan niest jemand sehr laut. Sofort keimt in mir der erste Ärger auf: Warum stört sie mich beim Film?! Einen Moment später wird mir klar: Meine Reaktion, allein der Gedanke, ist völlig überzogen.

Was ist also los, wenn wir uns immer und ständig aufregen, ohne triftigen Grund?

Oftmals liegen die Gründe dafür nicht offen ersichtlich auf dem Silbertablett herum. Man muss hinter die eigene Wut schauen, um zu erkennen, was sie sagen möchte.

Wir sind sauer, weil unsere Kinder aus Versehen ein Glas umkippen? Vielleicht wurden wir selbst als Kinder dafür übermäßig gemaßregelt.

Wir reagieren gereizt, wenn jemand in der Öffentlichkeit laut lacht? Vielleicht werten wir das als persönlichen Angriff, weil wir selbst heute ein Bedürfnis nach mehr Ruhe haben.

Wir denken uns „Was guckt die denn so blöd?“ und werfen einen bösen Blick zurück, obwohl die Frau da vorne einfach nur freundlich lächelt? Vielleicht haben wir in der Vergangenheit Missachtung erfahren und erwarten nun von jedem eine gewisse Portion davon.

Diese Beispiele zeigen ein überhöhtes, unberechtigtes Maß an Wut. Ärgern uns all die kleinen Dinge und Gegebenheiten, die der Alltag mit sich bringt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Oft haben wir selbst in der Vergangenheit Verletzungen und Grenzüberschreitungen erfahren, die wir nicht richtig verarbeiten konnten. Das wiederum führt zu Frustration und erhöhter Sensibilität.

Für mich war es schon befreiend, überhaupt zu erkennen, wann meine Wut berechtigt ist und wann nicht. Dazu ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln. Sobald ich merke, dass Wut in mir hoch kommt, frage ich mich zunächst: Was genau macht mich denn jetzt wütend? Ist es wirklich das umgekippte Glas Wasser oder ist es der alte Schmerz, der da wieder hoch kommt, weil ich für dieses Versehen so viele Male ausgeschimpft wurde? Dabei muss ich feststellen, dass es eben nicht das verschüttete Wasser ist, sondern wirklich der Schmerz von damals. Habe ich das erkannt, flacht die Wut auch sofort wieder ab. Alles, was die Wut in diesem Moment sagen wollte, war: Schau mal, da tut dir noch was weh, von damals.

Hinter die Wutfassade zu schauen ist definitiv aufschlussreich. Mit ein bisschen Übung wird man immer besser darin, zu erkennen: Ist meine Wut berechtigt oder nicht? Macht gerade wirklich der andere etwas doofes oder kommen da irgendwelche Bilder aus der Vergangenheit hoch, die ich projiziere?

Es gibt natürlich auch die berechtigte Wut, beispielsweise, wenn persönliche Grenzen überschritten werden oder wenn etwas beleidigendes/ verletztendes gesagt wird. In solch einem Moment ist es wichtig und vor allen Dingen produktiv, die eigene Wut darüber klar zu kommunizieren. Das darf auch mal in eine lauteren Stimmlage passieren, solange die Botschaft deutlich bleibt. Es macht nämlich einen Unterschied, ob ich sage:

„Du Arsch, immer bist du so laut und nervig!“ (Das Gegenüber fühlt sich beleidigt und verletzt)

oder, ob ich sage:

„Du Arsch, ich möchte mich konzentrieren, jetzt lass mich in Ruhe!“ (Das Gegenüber erkennt, dass ich hier ein Bedürfnis nach Ruhe habe und nicht gestört werden möchte).

Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass mein Leben ruhiger und entspannter geworden ist. Es ist ein bisschen so, als hätte ich nach vielen Jahren, in denen ich die falsche Brille getragen habe, nun eine aufgesetzt, die mich wirklich klar sehen lässt.

Als wichtige Erkenntnisse können wir also folgendes mitnehmen:

  • Wut ist wichtig, um die eigenen Grenzen erkennen und wahrnehmen zu können
  • Wut schützt uns vor Verletzungen in vielerlei Hinsicht
  • Bist du immer und ständig wütend? –> Vielleicht hast du in deiner Vergangenheit etwas erlebt, was dich heute noch wütend werden lässt
  • Wut kann unberechtigt sein –> Perspektive wechseln!
  • Wut kann berechtigt sein –> Kommuniziere klar und deutlich, dass gerade eine Grenze überschritten wurde/ du dich verletzt fühlst/ etc.