Allgemein · Feminismus · Gesellschaft

Die eigene Sprache ändern

Neulich las ich bei Heike Gerkrath in der Story, dass sie selbst ein Mensch sei, “die viele „Weichspüler“ in ihren Texten und ihrem Sprechen benutzt““. Das hatte mich sofort gepackt, denn auch ich benutzte Weichspüler. Bis jetzt.

Warum habe ich das gemacht?

Für diese Frage habe ich gleich zwei Antworten:

  1. Ich will unbedingt richtig verstanden werden
  2. Ich habe Angst zu missfallen

Mit der ersten Antwort habe ich kein Problem. Ich will tatsächlich richtig verstanden werden, gleichwohl ist mir bewusst, dass es manchmal Kommunikationsprobleme gibt, die das verhindern und dass manche Menschen gerne Dinge falsch verstehen möchten. Auch kann ich mich vor Missverständnissen nicht schützen – diese lassen sich aber klären. Was mich viel mehr stört, ist diese Angst zu missfallen, weil sie mir bis dato nämlich gar nicht bewusst war. Ängste sind ein großes Thema für sich, aber eines weiß ich: Unbewusste Ängste wirken unbewusst auf mich. Das heißt, diese Angst zu missfallen hat mein Sprechen und Schreiben stark beeinflusst.

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Die Folgen meines unbewussten Weichspülens

Zunächst einmal hat diese unbewusste Angst eine weitere, für mich spürbare Angst, hervorgerufen: Die vor Sichtbarkeit. Ich war und bin eine introvertierte und stille Person, aber ganz oft bin ich auch dann still gewesen, wenn ich es gar nicht wollte. In der Schule zum Beispiel: Oftmals wusste ich die Antwort, war mir aber nicht hundertprozentig sicher. Also zeigte ich entweder gar nicht auf, oder erst viel zu spät – just in dem Moment, als ein*e Mitschüler*in aufgerufen wurde. Das hatte zur Folge, dass ich schon in der Grundschule häufig eine Note schlechter stand, als es mir möglich gewesen wäre. Mir wurde häufig gesagt, ich könne so viel mehr, als ich zeigte. Ich schenkte dem aber keinen Glauben und fühlte mich zusehends von der Leistungsgesellschaft erdrückt. So überrascht es mich wenig, dass ich das Gymnasium nach der 12. Klasse (damals brauchte es noch 13 Jahre bis zum Abitur) beendete, um eine Ausbildung zu machen, weil „nie im Leben will ich studieren!“. Viele meiner Lehrer*innen verstanden meine Entscheidung nicht und versuchten, mich zum Weitermachen zu animieren – ohne Erfolg.

Die Ausbildung zur Krankenschwester, oder, wie es richtig heißt: zur Gesundheits – und Krankenpflegerin hingegen verlief super. Auch hierfür gibt es Gründe: Zum einen interessierten mich die Ausbildungsinhalte nahezu ausnahmslos sehr. Zum anderen konnte ich hier etwas weniger Johanna sein und mehr die Rolle „Krankenschwester“ einnehmen. Mir Kompetenz anzulernen und damit zu glänzen, funktioniert also.

Ungefähr zehn Jahre später sitze ich nun an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Text. Das Schreiben ist, was mich ausmacht. Und hier bin ich eben allein. Hier gibt es mich und meine Worte. Und es gibt unzählige Texte, die ich nie veröffentlicht habe, weil immer diese eine, große Unsicherheit im Vordergrund stand: Ist das denn gut genug? Will das überhaupt wer lesen? Noch nicht einmal meinen engsten Freundinnen oder Familienmitgliedern zeige ich gern meine Texte. Immer schwingt die Angst mit: Könnte ich jemanden damit verletzen? Stimmen alle Daten und Fakten?

Oftmals überarbeite ich meine Texte dann, immer und immer wieder – nur, um sie dann doch nicht zu veröffentlichen. Oder ich recherchiere mich zu Tode, damit ich jedes einzelne Wort wissenschaftlich belegen kann (Spoileralarm: das funktioniert nicht).

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Was das mit mir als Frau zu tun hat

Ich bin recht frei erzogen worden. Ich durfte immer viel, was meine Freundinnen nicht durften und wurde oft beneidet. Aber ich wurde auch in eine patriarchale Leistungsgesellschaft hinein sozialisiert und stehe jetzt mit an einem Punkt, an dem die globale Digitalisierung explodiert.

In einer patriarchalen Gesellschaft wiegt das Wort einer Frau eben nicht so viel, sie selbst am besten auch nicht. Und in einer solchen Gesellschaft sollen Frauen halt auch höflich und nett sein und immer freundlich und auf gar keinen Fall haben sie eine kritische Meinung. Falls sie diese doch haben, will sie keiner hören. Und wenn sie dann lauter werden, dann haben die bestimmt alle ihre Tage oder sind untervögelt. Und überhaupt, wozu brauchen Frauen eine kritische, schwere Sprache: In den Führungspositionen haben sie doch eh nichts verloren und in der Politik, naja…

Wie so viele andere auch, wollte ich gefallen. Ich wollte Männern gefallen, denn irgendwie war unterschwellig immer das Ziel: Heiraten und Kinder kriegen. Und Männer mögen eben keine wortreichen, kritischen Frauen. Lieb und nett sein, das war die Devise. Irgendwo anecken wollte ich auch nicht, bloß kein Aufsehen erregen, denn eines hatte ich nie gelernt: Eine Meinung zu haben und diese auch zu vertreten. Mein größter Albtraum war es also, irgendetwas zu sagen und mich dann verteidigen zu müssen, denn dann passierte Folgendes: Entweder ich erstarrte zu Eis, wurde rot und stammelte wirr vor mich hin. Oder ich ruderte sofort zurück und versuchte, abzuwiegeln und schönzureden.

Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der mich Frau sein lässt und meine Meinung schätzt und hören will. Und in Gesprächen mit genau diesem Mann ist mir auch aufgefallen: Ich will gefallen, um jeden Preis. Selbst im Streit, wenn ich doch einen sehr klaren Standpunkt habe, benutze ich Weichspüler. So kommt es, dass ich mich zuweilen total in meinen eigenen Gedanken verheddere – bloß niemandem ans Bein pinkeln! – und gar nicht mehr weiß, was eigentlich das ursprüngliche Problem war. Zurecht fragt mein Partner dann irgendwann völlig entnervt: „Sag mal, was willst du jetzt eigentlich genau von mir?“

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Ja, was will ich denn?

Ich will klare Worte aussprechen, ohne weichzuspülen, ohne allen möglichen Menschen gefallen zu wollen. Ich will in eine Haltung kommen, in der ich sagen kann: Ja, vielleicht ecke ich hier und da mal an. Und das ist auch okay so. Ich darf anecken, ich darf meine Meinung sagen und ich darf ganz klar für meine Werte einstehen.

Unsere Gesellschaft braucht starke Frauen, die sich gut ausdrücken können. Dass Frauen kompliziert und schwer zu verstehen seien, leuchtet ein, in Anbetracht der Tatsache, dass ich sicherlich nicht die Einzige bin, die zwischen Gefallenwollen und auf den Tisch hauen auf ihrem Weichspüler ausrutscht. Manchmal verstehe ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte, vor lauter herumreden und nett lächeln.

Für mich ist damit jetzt jedenfalls Schluss. Ich benutze keinen Weichspüler mehr, der ist eh nur umweltschädlich. Ich lasse meine Texte so, wie sie sind. Ich sage, was ich denke. Ich habe eine Meinung und ich habe viel zu sagen. Ich will weiterhin gefallen, aber vor allem einer Person: mir selbst.

Feminismus · Gesellschaft

Abschluss der Themenwochen

Es lohnt sich, immer das gesamte Bild aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So gewinnen wir eine Übersicht, können Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten erkennen. Wir kennen nun eine grobe Zusammenfassung unserer Vergangenheit und vielleicht ist es an der ein oder anderen Stelle schon zu mehr Verständnis gekommen.

Doch was können wir mit diesem Wissen nun anfangen und wie geht es weiter?

In den letzten einhundert Jahren ist so einiges passiert und vieles hat sich getan. Es gab für die Frauenbewegung gute und schlechte Momente, Erfolge und Rückschläge. Wir sind weiter nach vorne gekommen, haben jedoch Kernprobleme nach wie vor nicht überwinden können und, was ich persönlich ganz entscheidend finde, uns aus den Augen verloren.

Der Umgangston unter den Frauen ist rau, das zeigt sich sowohl auf social media, als auch im echten Leben. Es gehört leider immer noch zur Norm, beispielsweise die Körper anderer Frauen kritisch zu begutachten, Lebensweisen zu kommentieren und uns Meinungen zu bilden über die andere, deren Lebensrealität wir eben nie ganz kennen werden.

Der Feminismus gliedert sich in dermaßen viele Untergruppen, dass eine Übersicht nur schwierig zu erstellen ist. Es gibt unfassbar viele strukturelle Probleme und jede dieser Gruppierungen scheint sich auf einen Teil davon spezialisiert zu haben. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, geht es viel um Mutterschaft und familiäre Ungerechtigkeiten. Andere Feminist*innen setzen sich gegen Rassismus ein, wieder andere haben Gewalt an Frauen im Fokus und die nächsten beschäftigen sich eher mit Ungerechtigkeiten im Berufsleben. Jede einzelne Gruppe ist von enormer Wichtigkeit und in ihrem Dasein unerlässlich. Es ist unmöglich, dass sich, in diesem Sinne, eine Person allein um all die Probleme kümmert, die wir haben.

Wir brauchen also diese Gliederung in Untergruppierungen unbedingt, müssen aber dringend an den Verbindungsstellen arbeiten. 

Dazu müssen wir uns vernetzen und miteinander in Kontakt kommen. Solch eine groß angelegte Verbindung braucht Regeln. Veränderungen im System geschehen nicht über Nacht und werden in den seltensten Fällen von Einzelpersonen bewirkt. Wir brauchen also zunächst festgelegte Umgangsformen für ein wertschätzendes Miteinander. Diese könnten in etwa so lauten:

Wir hören einander zu.

Wir gehen wertschätzend miteinander um.

Wir respektieren die Grenzen der anderen.

Wir feiern unsere Unterschiede.

Jede Sichtweise ist zunächst einmal valide.

Was ich nicht verstehe, hinterfrage ich.

Es darf Meinungen geben, die mir nicht gefallen- das macht sie aber noch lange nicht zu „falschen“ Meinungen.

Wir ver- und beurteilen einander nicht.

Das alles sind keine dogmatischen Regeln für ein sektenhaft angehauchtes Unterfangen. Das sind respektvolle und höfliche Umgangsformen. Gerade unter Frauen sind diese Verhaltensweisen über Jahrhunderte hinweg verloren gegangen, sie wurden abtrainiert und abgewöhnt. Wir werden aber nicht weiterkommen, wenn wir in alten Mustern verharren. Wir brauchen neue Sichtweisen und wir brauchen ein Miteinander, das alle mit einschließt.

Wie schaffen wir es, wieder verbundener miteinander zu sein?

Wir alle sind stark geprägt durch jahrzehntelange Machtkämpfe auf allen Seiten. Auf der einen Seite steht das Patriarchat mit all seinen negativen Auswirkungen, auf der anderen Seite stehen Frauen, denen häufig die Stimme zur Gegenwehr fehlte. Die Landschaft scheint verwüstet und zerklüftet. Es gilt, Differenzen zu überwinden und Brücken zu bauen. Wir können entweder weitere, unzählige Jahre damit vergeuden, uns an unseren Unterschieden aufzuhängen und das alleinige Meinungsrecht zu fordern. Wir können stattdessen aber auch Verständnis füreinander aufbringen und gemeinsam in dieselbe Richtung schauen. Um beim Landschaftsbild zu bleiben: Anstatt ziellos durch die Verwüstung zu schlendern in der Hoffnung, irgendwas zu erreichen, können wir gemeinsam stehen bleiben und anfangen, den Acker zu bearbeiten. Jede*r einzelne hat besondere Fähigkeiten, ExpertInnenwissen und eine wertvolle Meinung, die dazu beitragen wird, etwas zu verändern. Indem wir das verstehen und akzeptieren, indem wir offenen Herzens aufeinander zugehen, entsteht Verbindung. Wir müssen nicht alle beste FreundInnen werden, es reicht ein wohlwollender Blick auf die anderen.

Eine gute Möglichkeit, wieder mehr mit anderen Frauen in Kontakt zu kommen, sind beispielsweise Frauenkreise. Es gibt eine Vielzahl davon örtlich gebunden, aber auch online. Dort geht es darum, sich selbst zu spüren und in einen Raum zu gehen, in der jede einfach sie selbst sein darf. Das kann wohltuend und augenöffnend sein. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit den anderen kann dabei entstehen.

Manchmal hilft auch einfach etwas Mut. Ich bin mir sicher, dass fast jede*r ein Vorbild hat, eine inspirierende Vorreiterin. Eine Mail kostet quasi kein Geld und ist schnell verschickt. Auf diese Weise können wundervolle und bereichernde Kontakte entstehen, aus denen wiederum eine großartige Zusammenarbeit entspringen kann. Einander Anerkennung für geleistete Arbeit zu zeigen, ist ein riesiger Schritt in die richtige Richtung.

Wir können aktiv aufeinander zugehen und zwar so lange, bis wir eine große Gruppe der Vielfalt geworden sind.

Und was ist, wenn es mit dem Verständnis gar nicht klappt?

Es gibt sie zu genüge: toxische Familienverhältnisse und Beziehungen. Es gibt Probleme, die lassen sich nicht weg- kommunizieren. Es gibt Traumata, die tief sitzen und professioneller Hilfe bedürfen und es gibt noch so vieles mehr in diesem Spektrum. Da hilft das größte Verständnis nichts, da hilft nur eines: Akzeptieren, wie es ist, und weiter gehen. Wir können und müssen nicht immer in harmonischem Einklang mit unseren Vorfahrinnen und/ oder Mitmenschen leben. Ich kenne beispielsweise einige Frauen, die ganz bewusst und völlig berechtigt den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen haben. Das ist okay und in vielen Fällen auch die einzige gesunde Option. Was dennoch möglich ist: Die Generation oder Frau im Ganzen zu sehen und Frieden zu schließen mit eben dieser. Unsere eigene Vergangenheit mag sehr dunkel und schmerzhaft sein, aber in der Gegenwart können wir dennoch mit anderen Frauen zusammenarbeiten.

Was bedeutet das für den Umgang mit unseren Kindern?

Wenn ich mir die Vergangenheit anschaue, muss ich unweigerlich auch an die Zukunft denken. Wir sind die Vorbilder für unsere Kinder und das ist ein weiterer Punkt, an dem wir arbeiten können. Wir können die Vergangenheit nicht verändern und die Zukunft nur zu einem gewissen Teil beeinflussen- schließlich haben wir sie nicht in der Hand und Kontrolle über die Zukunft hat kein Mensch. Was wir aber tun können, ist, unsere Kinder aufzuklären und unser möglichstes zu tun, ihnen neue Rollenbilder vorzuleben und ihnen Ideen zu geben für Alternativen.

Wir müssen ihnen zeigen, wie wir mit uns selbst und miteinander respektvoll umgehen. Die Sache mit dem Selbstrespekt ist von enormer Wichtigkeit, denn nur, wenn ich mich selbst achte, kann ich das auch bei anderen Menschen tun. Wir dürfen ihnen nicht beibringen, andere aus immer kritischen Augen zu betrachten. Wir müssen ihnen zeigen, mit mildem Auge auf unsere Mitmenschen zu schauen, um ihnen die Verbindung zu ermöglichen, die wir verloren haben. Wir haben jetzt die Möglichkeit, unseren Kindern ein Netz zu bauen, in dem sie Rückhalt und Unterstützung finden können- unabhängig vom Elternhaus.

Ich wünsche mir daher, dass wir uns Räume zurückerobern. Orte, an denen wir uns treffen und ins Gespräch kommen können- egal wie alt und egal welches Geschlecht. Es braucht Verbindung zwischen allen und Aufklärung für jede*n. Wir haben gute Ressourcen, um uns wieder neu miteinander zu vereinen. Spätestens in der Pandemie haben wir gelernt, uns online zu vernetzen. Lasst uns das größer machen und vor allen Dingen mit Respekt und Verständnis füreinander. Lasst uns ins Gespräch kommen und einander zuhören, im Beisein unserer Kinder. Nur wenn wir sie teilhaben lassen, haben sie die Chance, von Anfang an mit offenen Augen Großwerden zu können.

Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter im 21. Jahrhundert

Im vergangenen Jahrhundert hat sich also einiges getan, es gab ein auf und ab, es gab Fortschritte und Rückschritte. Wir befinden uns in der dritten Welle des Feminismus‘ und es bleibt noch vieles zu tun.

Rollenbilder im Wandel

Zugegebenermaßen hat sich das Rollenbild der Frau schon etwas verändert- langsam und schleppend. In der Theorie zumindest. Im Job sorgen Frauenquoten dafür, dass es mehr Frauen in führenden Positionen und in der Politik geben müsste; es gibt Gesetze, die Gewalt an Frauen verhindern sollen und vor allen Dingen gibt es viele Frauen, die sich mit aller Kraft für den Feminismus und die Frauenbewegung einsetzen. So entstehen neue Frauenbilder von starken Persönlichkeiten, die gefühlt alles schaffen können: Karriere, Haushalt, Kindererziehung- alles kein Problem.

Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch tiefe Risse in dieser Fassade auf und wir stoßen auf strukturelle Probleme: Die Gleichberechtigung ist nach wie vor auf vielen Ebenen noch Wunschdenken. Noch immer wird dogmatisch darauf beharrt, dass Kinder in den ersten Lebensjahren zur Mutter gehören (Spoileralarm: Kinder brauchen eine feste Bezugsperson, ja- es muss aber nicht die Mutter sein. Theoretisch könnte das jede*r sein). Frauen wollen Karriere? Bittesehr, hier ist die Frauenquote- aber wehe, du meldest einen Kinderkrankenschein an. Und generell gibt es viele „Gaps“: Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Orgasm Gap und unzählige mehr.

Gesellschaftlicher Zusammenhang

Die Lebenssituation hat sich für viele Frauen eher verschärft. Der Erwartungsdruck der Gesellschaft ist immens hoch, für mich persönlich noch viel höher, seitdem ich Mutter geworden bin. So sollen Frauen im besten Falle alles können und abdecken: Die Kinder erziehen, den Haushalt erledigen, eine Karriere anstreben, den Partner beglücken und das alles mit einem Lächeln im Gesicht- denn schließlich wollten sie doch Gleichberechtigung. Ich habe das Gefühl, dass der patriarchale Teil der Gesellschaft es sich einfach macht mit der Begrifflichkeit der Gleichberechtigung: Du willst genau so viel arbeiten und verdienen wie ein Mann, damit du die gleichen Rechte hast? Go for it. Mach das doch einfach on top, schließlich haben die Generationen vor dir das auch geschafft. Diese Rechnung ist aber a.) fehlerhaft und geht b.) überhaupt nicht auf. Mal ganz davon abgesehen, dass Gleichberechtigung wesentlich mehr bedeutet, wie wir mittlerweile alle wissen sollten.

Im Vergleich mit den Generationen vor uns wird deutlich, dass wir in unzähligen Themenbereichen schon seit vielen Jahren auf der Stelle treten. Bereits in den 70ern setzten sich beispielsweise Frauen dafür ein, dass Carearbeit gesehen und entlohnt werden muss. Darüber reden wir auch heute noch.

Zeitgleich stecken wir eben doch noch in alten Rollenbildern fest. Hartnäckig halten sich Aussagen wie „Ein Kind gehört zur Mutter“, „Mädchen können kein Mathe“, „Männer sind die besseren Handwerker“ und „Bei Mama schmeckt’s am besten“. Kinder werden schon früh dafür sensibilisiert, was sich dem Geschlecht entsprechend so gehört und was nicht. Attribute, die bei Jungen als „stark, durchsetzungsfähig und selbstbewusst“ gelten, werden bei Mädchen häufig zu „laut, aufmüpfig und zickig“. Jungen, die sensibel sind, werden immer noch als „Heulsuse, Jammerlappen und Weichei“ bezeichnet, während sensible Mädchen unter „einfühlsam, liebevoll und bedächtig“ laufen. Egal, wie sehr Eltern versuchen, dem entgegenzuwirken: In Kindertagesstätten, Schulen oder einfach zu Besuch bei Oma und Opa werden immer wieder solche Aussagen getätigt.

Es fehlen schlichtweg neue Vorbilder. Familienmodelle, in denen wahre Gleichberechtigung herrscht, entwickeln sich erst langsam. Frauen stehen häufig allein da, bekommen außerhalb von feministischen Kreisen nur wenig Unterstützung und Verständnis.

Zusätzlich ist auch heute noch eine Spaltung der Frauenschaft untereinander zu beobachten. Es herrscht zuweilen ein sehr rauer Umgangston untereinander. Der Frust, der sich aus vielen Generationen über Tausende von Jahren angesammelt hat, ist in jeder einzelnen präsent- und entlädt sich oft an der falschen Stelle und auf eine ungünstige Art und Weise. Dass in der Gesellschaft dann auch noch von „einem Haufen menstruierender Zicken“ oder Ähnlichem gesprochen wird, sobald das Wort „FeministIn“ fällt, schürt diesen Frust nur weiter. 

Was wir dringend brauchen

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der es Akzeptanz und Verständnis gibt. All die Hausarbeit, die Jahrhunderte lang im Verborgenen erledigt wurde, muss gesehen werden. Wir brauchen Jobangebote, die Frauen wirkliche Möglichkeiten bieten, aufzusteigen- auch und vor allem dann, wenn sie Mütter geworden sind. Vor allen Dingen brauchen wir eine gerechte Bezahlung und eine gute Aufklärung. Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht jubelt, sobald ein Vater mit seinem Kind spazieren geht- während die alleinerziehende Mutter daneben mit ihren drei Kindern überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Es war noch nie so wichtig wie jetzt, dass FeministInnen und Frauen jeglicher Herkunft sich untereinander verbinden. Unsere zentrale Aufgabe ist es, gesellschaftlichen Druck aufzubauen, um die Frauenbewegung wieder voranzutreiben und große Ziele zu erreichen. Das funktioniert nur als kollektiv. Und genau deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, auch zurückzuschauen und unsere vorherigen Generationen mit ins Boot zu holen. Unsere Mütter und Großmütter kennen unsere Probleme- sie hatten dieselben. Die Probleme, die neu für diese Generationen sind, können sie verstehen. Ich denke, wenn wir es schaffen, uns untereinander und füreinander zu sensibilisieren, kann daraus eine starke Gemeinschaft entstehen, die echtes Potenzial hat, etwas zu verändern und zu bewirken. 

Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter 1945 bis Ende der 90er

Wir wissen nun, wo unsere Großmütter herkommen und was viele von ihnen erlebt haben. Diese Erlebnisse wiederum hatten Auswirkungen auf die Erziehung unserer Mütter und Väter. Hinzu kommen gesellschaftliche Umschwünge und Veränderungen in allen Lebensbereichen. Zunächst schauen wir uns also wieder ein paar geschichtliche Fakten an.

Neubeginn nach Kriegsende

Schon bald nach dem Ende des Krieges wurden erste Frauenausschüsse gebildet. Frauen wollten den Wiederaufbau mitgestalten und so wurden Gleichberechtigungsforderungen wieder laut. Das Ziel war klar: Frauen sollten wieder an der Politik teilnehmen. Doch dazu mussten sie auch erst wieder von der Notwendigkeit, dies zu tun, überzeugt werden. Es gab in der Folge also auf Frauen ausgerichtete Bildungsangebote, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Die Frauenverbände waren sehr darauf bedacht, eine strenge Überparteilichkeit zu wahren, um jeder Frau den Zutritt zu ermöglichen. 1948 kam dann endlich der erste, große Erfolg: die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde im Grundgesetz verankert. Allerdings nahm nach nur wenigen Jahren das Interesse an den Verbänden ab.

Berg- und Talfahrt

In den 50ern wurde die Zusammenarbeit zwischen den Frauen erschwert. Einerseits verloren die Verbände ihre Überparteilichkeit durch den Ost- West- Konflikt (so wurden beispielsweise kommunistische Mitglieder im Westen ausgeschlossen). Andererseits wirkte das Gleichberechtigungsgesetz bremsend, da die Frauen ihr Ziel als erreicht ansahen- dabei fiel ihnen zunächst nicht auf, dass das Gesetz allein nicht ausreicht und dass es auch eine politische Umsetzung benötigt. Um eben diese Umsetzung kümmerten sich in dieser Zeit die Rechtsabteilungen der Frauenverbände, sodass nur wenig davon in die Öffentlichkeit gelangte.

Erst in den 60er Jahren erlebte die Frauenbewegung und damit auch der Feminismus in Deutschland ein neues Hoch. Frauen empfanden es als paradox, dass ihre Gehälter niedriger waren als die der Männer, dass es immer noch keine Gleichstellung gab, sie kaum an Führungspositionen herankamen und die Hauptverantwortung für Haushalt und Carearbeit immer noch bei ihnen lag. Bereits im Jahre 1974 startete die Debatte um „Lohn für Hausarbeit“- eine Debatte, die wir bis heute führen. Zu dieser Zeit in etwa begannen Aktivistinnen auch damit, eigene Strukturen und Medien zu schaffen, wie in etwa Filme und Zeitschriften. Es gab also viel Aufschwung in der Frauenbewegung, die in den 80ern jedoch erneut an Antrieb verlor. Unterschiedliche, feministische Standpunkte führten zu einer zunehmenden Zerstreuung der Bewegung.

Gesellschaftlicher Zusammenhang

Ein wenig erinnert diese zweite Welle des Feminismus und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Strukturen an unsere heutige Zeit. Viele Probleme wie Gender Pay Gap, Gender Care Gap, das fehlende Ansehen von Carearbeit, etc. waren damals schon bekannt und wurden kritisiert. Frauen hatten es nach wie vor schwer, was auch an der Gesetzeslage deutlich wird: Ein eigenes Konto durften sie erst ab 1958 eröffnen, das Mutterschutzgesetz gibt es seit 1952, bis 1977 durften sie nur dann arbeiten, wenn dies mit den häuslichen und ehelichen Pflichten vereinbar war und erst Ende der 90er wurde Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. Die Frauenbewegung war also da und wurde laut bezüglich der strukturellen Ungerechtigkeiten, die politische Umsetzung kam aber nur langsam hinterher. Das bedeutet, dass Frauen nach wie vor häufig von ihren Männern abhängig waren und unterdrückt werden konnten. Es wurde schlichtweg erwartet, dass sie ihre patriarchal geprägten Rollenbilder erfüllten- und wenn dann noch etwas Zeit übrigblieb, durften sie diese in Arbeit investieren. Natürlich zu einem Minimallohn.

Was bedeutet das für uns heute?

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt vom Wiederaufbau und einer Aufbruchsstimmung, nun endlich etwas zum Positiven zu verändern. Es wurden viele Grundsteine gelegt und auch vieles erreicht, was uns den Weg geebnet hat. Und doch: Gewalt an Frauen wurde noch sehr lange gesetzlich geduldet, Freiheiten beschnitten und das Ausbrechen aus den starren Rollenbildern fiel schwerer als gedacht. Oftmals herrschten in der häuslichen Umgebung nach wie vor die alten Rollenbilder, der Mann hatte das Sagen, die Frau hatte zu gehorchen und sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Es gab zu dieser Zeit noch kein großes Bewusstsein dafür, dass es eben nicht reine Frauensache ist, sich um diese Dinge zu bemühen. Viele Frauen lehnten sich dagegen auf, aber genauso viele waren auch einfach nur froh, nicht im Krieg großgeworden zu sein und ein ruhiges Leben zu haben. Geprägt von ihren eigenen Müttern, welche teilweise schwersttraumatisiert waren, sahen viele die großen Zusammenhänge nicht. Die Kinder dieser Familien, also meine Generation, sind mit diesen Rollenbildern aufgewachsen. Die Traumata der Kriegsgeneration sind mitgekommen, wurden weitergegeben von Jahrgang zu Jahrgang und sorgen so bis heute in vielen Familien für scheinbar unerklärliche Probleme. Des Weiteren gehörte es zum guten Ton, dass gewisse Dinge in der Familie blieben und nicht offen thematisiert wurden. So fällt zum Beispiel auch auf, dass es der Generation meiner Eltern oft schwerfällt, Probleme offen anzusprechen.

Zusammenfinden

Unsere Mütter sind in einer Zeit der großen Umbrüche aufgewachsen, irgendwo zwischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Wunden lecken aus der schmerzenden Vergangenheit. Für viele von ihnen war Gewalt an der Tagesordnung, eigene Träume kaum zu verwirklichen und die Lebensgestaltung richtete sich nach dem Mann. Ich kenne viele Frauen, die heute kurz vor der Rente stehen und kaum eine davon hat das Leben gelebt, dass sie gern wollte. Viele haben Berufe ergriffen, die sie eigentlich nicht interessierten, haben Kinder geboren, obwohl sie dies vielleicht gar nicht wollten und haben ihre Männer in beruflichen Laufbahnen unterstützt, nur um dabei selbst komplett auf der Strecke zu bleiben. Auch hier ist Verständnis unfassbar wichtig.

In dem Wissen, eine Frau vor mir sitzen zu haben, die nie ihren eigenen Weg gehen konnte, kann ich ihren Frust sehen und verstehen. Ich kann auch verstehen, dass diese Frau eventuell auch mit einem neidischen Auge auf mich blickt, schließlich lebe ich in einer privilegierten Situation mit viel mehr Möglichkeiten als sie es damals gehabt hat. Vielleicht schaffen wir hier einen gemeinsamen Blick nach vorn, indem wir etwas sagen wie: „Ich sehe, wo du herkommst und ich sehe, wie viel du aushalten musstest. Im Gegensatz zu mir hattest du viel weniger Auswahlmöglichkeiten und wurdest weniger geschützt. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Für die nächsten Generationen müssen wir weiter gehen und zusammenhalten.“

Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter in der Zeit der Weltkriege

Ich kenne viele ältere Frauen, gerade auch im Alter meiner Oma, die kein Verständnis für den heutigen Feminismus haben. Unser „Gejammer“ bringt sie nur zum Kopfschütteln, denn schließlich haben wir es heute viel einfacher und immerhin sieht man doch an jeder Ecke irgendwelche Väter, die sich um den Nachwuchs kümmern- was sind wir heute nur für Glückspilze! Aber woher kommt dieses Unverständnis für unsere Anliegen und die Blindheit für die strukturellen Probleme? Ein kleiner, geschichtlicher Rückblick, hilft.

Frausein in den goldenen 20ern

Vor circa 100 Jahren gab es einen Wirtschaftsaufschwung in der Folge des ersten Weltkrieges. Dieser wirkte gleichzeitig beschleunigend für die Frauenemanzipation. So zeigten Frauen sich modern und amüsierfreudiger, übernahmen finanzielle Verantwortung- schließlich mussten sie die im Krieg gefallenen und verletzten Männer in der Industrie ersetzen. Auch politisch konnten Frauen sich erstmals beteiligen, denn 1919 durften sie zum ersten Mal wählen. Was auf den ersten Blick nach einer steilen Bergauffahrt aussieht, zeigt aber auch schon bald seine Schatten. So hing das neue Frauenbild eher an äußerlichen Merkmalen als an der Änderung ihrer Lebensumstände.

Der gesellschaftliche Zusammenhang

Die Frauen arbeiteten zu der Zeit zum größten Teil in den unteren Gehaltsklassen (bzw. wurden einfach nicht fair entlohnt) und aus einem finanziellen Zwang heraus. Es entstand eine Kluft zwischen der Realität einerseits und dem Wunsch nach Emanzipation andererseits. Freizeitgestaltung und Kultur waren oftmals zu kostspielig, als dass sie es sich hätten leisten können. Auch die damalige Rechtslage ließ, aus Sicht der Frauen, zu wünschen übrig: Frauen und Männer waren gesetzlich noch nicht gleichgestellt. So durften sie kein eigenes Konto eröffnen und das Arbeiten an sich, sowie das Machen eines Führerscheines, erforderte die Erlaubnis des Ehegatten. Bis in die späten 70er hinein durften Frauen auch nur dann arbeiten, wenn dies mit ihren familiären und ehelichen Pflichten vereinbar war. Care- und Hausarbeit waren gesetzlich somit klar der Frau zugeteilt.

Abruptes Ende der Frauenbewegung mit Beginn des Nationalsozialismus`

Mit dem Beginn des Nazi- Regimes wurden mehrere Gesetze verabschiedet, welche Frauen aus besseren Berufen verdrängten und Tätigkeiten im häuslichen Bereich ehrten. Es folgten eine Begrenzung der Studienplätze für Frauen, das Absprechen der Wählbarkeit (Frauen konnten also nicht mehr gewählt werden) und die Auflösung fast aller Frauenverbände. Die Gleichschaltung richtete sich gegen die Frauenbewegung. Die Frauenorganisationen der Nazis kritisierten sogar die Forderungen nach Gleichberechtigung, frau gab sich damit zufrieden, den Männern die Entscheidungsgewalt zu überlassen.

In dieser Zeit erlebten Frauen also massive Einschränkungen in ihrer Freiheit, verloren viele der hart erkämpften Rechte und wurden in ein Rollenbild gepresst, welches den meisten von uns heute wohl starke Bauchschmerzen bereitet. Die Frau hatte dem Mann unterwürfig zu sein und ihm zu dienen. Sie sollte Kinder gebären und erziehen (nach klaren, rassistischen Mustern), den Haushalt führen und sich nie beklagen. Zu sagen hatte sie nichts. Es ging schlichtweg darum, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu definieren, die dazu führten, dass Männer eben diejenigen waren, die Entscheidungen trafen, während Frauen diese lediglich auszuführen hatten.

Was bedeutet das für uns heute?

Die Frauen der 1920er und 1930er machten zunächst Fortschritte, welche durch das NS- Regime zu einem Großteil wieder vernichtet wurden. Der Raub ihrer hart erkämpften Freiheiten und das Zurückdrängen aus der Öffentlichkeit dürfte vielen schwer zu schaffen gemacht haben. Hinzu kamen ausgeklügelte Propaganda und Gehirnwäsche, sodass Frauen in ihren eigenen vier Wänden gefangen waren und viele sich damit zufrieden gaben- zumindest offiziell.

Ich stelle mir also vor, ich sei eine dieser Frauen. Vielleicht bin ich schon damit aufgewachsen, dass es normal ist, dass die Männer alles entscheiden. Gesetzlich wird mir vorgeschrieben, wie ich zu leben habe und wo genau mein Platz in der Gesellschaft ist. Abweichungen werden hart bestraft, Gewalt in der Ehe ist legitim, meine Zukunft schon bei der Geburt festgeschrieben. Ich lerne Anpassung und nicht- widersetzen- können, ich lerne toxische Männer- und Frauenbilder, ich bin gefangen in einem Rollenbild, das Frauenfeindlicher nicht sein könnte.

Das macht etwas mit mir. Ich spüre eine Enge in mir und um mich herum, die mit Sicherheit auch viele Frauen damals spüren konnten- mit dem Unterschied, dass ich darüber gefahrenlos sprechen kann, was ihnen damals verwehrt blieb. Wächst ein Mensch unter solchen Beschränkungen auf, vielleicht auch gepaart mit einer Menge Angst, dann wird dieser Mensch sein Leben lang davon beeinflusst sein. Diese Erfahrungen und diese von der Regierung und Gesellschaft indoktrinierten Normen und Werte sitzen tief und lassen sich nicht mit einem Regierungswechsel auslöschen.

Unsere Großmütter, die entweder zu der Zeit schon lebten oder kurz danach geboren wurden, leiden unter Umständen noch bis heute darunter. Das erklärt, warum viele Frauen dieser Generationen es als „großes Glück“ beschreiben, wenn einer unserer Männer Hausarbeit macht oder sich um die Kinder kümmert- in der damaligen Zeit war das einfach absolut undenkbar. Das erklärt auch, warum viele dieser Frauen gern Dinge sagen wie „Stell dich nicht so an, früher war es viel härter, ihr habt es doch so viel besser!“. Das stimmt. Wir haben es schon deutlich besser. Was aus diesen Frauen spricht, ist der Schmerz, selbst kaum Möglichkeiten für das eigene Leben gehabt zu haben.

Zusammenfinden

Wir brauchen also Verständnis füreinander. Wir Frauen von heute, die sich für den Feminismus einsetzen und die Probleme der heutigen Zeit kennen, müssen erkennen, dass unsere Omas eine große Last an Schmerz und Unterdrückung mit sich herumtragen. Den meisten Großmüttern ist das noch nicht einmal bewusst- diese Last wurde zum Selbstschutz häufig in das Unterbewusstsein verdrängt. Von dort heraus kommt das Unverständnis für unser „Gejammer“. Für die Frauen von damals muss unser heutiges Leben wie das reinste Paradies aussehen und wir können dagegen gar nichts tun- müssen wir auch nicht.

Was wir tun können, ist Folgendes: Wir können Verständnis zeigen und klar bei unserer Meinung bleiben. Wir können so etwas sagen wie „Ich verstehe, wo du herkommst. Du hast viel gesehen und erlebt und für dich sieht es von außen so aus, als hätte ich es viel einfacher. Aber auch ich habe Probleme zu bewältigen, denn bis heute gibt es noch viel strukturelle Ungerechtigkeit- sie unterscheidet sich lediglich von der, die du erlebt hast.“ Wir können unsere Türen öffnen und die ältere Generation hereinbitten, sie wertschätzen und die Unterschiede erklären. Indem wir diesen Frauen ihren Schmerz zugestehen und diesen aushalten, schaffen wir einen Raum für Begegnungen auf Augenhöhe.   

Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftlicher Erwartungsdruck- Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter im Wandel der Zeit

Eines meiner Herzensthemen ist der generationsübergreifende Feminismus. Aus diesem Grund widme ich meine nächsten Texte dem Thema der gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Ich beziehe mich dabei auf einen groben Zeitraum der letzten 100 Jahre, das entspricht für mich in etwa der Generationen meiner Oma, meiner Mama und mir. Es ist wichtig einmal zu schauen, wo wir herkommen und wie die Frauen in den unmittelbaren Generationen vor uns aufgewachsen sind. So können wir besser verstehen, was unsere Mütter und Großmütter bewegt hat und wir bekommen die Möglichkeit herauszufinden, was ihre Handlungsmotive waren. Mit meinen Texten möchte ich ein umfassendes Bild geben, das es uns ermöglicht, Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen und so wieder mehr zueinander zu finden. Sisterhood hat in meinen Augen keine Altersgrenze und ich wünsche mir für die Zukunft einen Feminismus, der alle Altersklassen zusammenführt.

Warum ist es so wichtig, sich den gesellschaftlichen Erwartungsdruck anzuschauen? Was sind gesellschaftliche Erwartungen?

Gesellschaftliche Erwartungen geben uns eine Richtlinie, wie unser Leben im Optimalfall zu laufen hat, um bestmöglich in die Gesellschaft zu passen. Dazu gehört hierzulande beispielsweise das Erreichen eines guten Schulabschlusses, anschließendes Studium/ anschließende Ausbildung, die Festanstellung in einem Job (am besten mit lebenslanger Firmenzugehörigkeit), das Gründen einer Kleinfamilie und irgendwann schließlich die wohlverdiente Rente. Hinzu kommen dann noch Rollenerwartungen, eine weitere Form der gesellschaftlichen Erwartungen. Hierbei geht es spezifischer dann um die Erwartungen an einzelne Menschengruppen. Für meine Themenreihe interessant sind die Rollenerwartungen an die Frau und Mutter und wie diese sich im Laufe der Jahre entwickelt haben. Es ist deshalb so wichtig, sich das genauer anzuschauen, weil diese gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen einen großen Einfluss auf uns haben, ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Sie beeinträchtigen unser Denken und Handeln, und das bereits im Kindesalter.

Diese Erwartungen sind auf unterschiedliche Arten und Weisen hör- und spürbar. Bei Kindern beginnt es beispielsweise damit, dass es immer noch von der Gesellschaft klar definierte Farben für Jungen und Mädchen gibt, für die einen blau, für die anderen rosa. Weiter geht es dort mit der Kleidung, so sind Röcke und Kleider für Mädchen, Jeans und Pullover für Jungen. Noch weiter geht es dann mit dem erwünschten Verhalten, schließlich machen Mädchen sich nicht dreckig. Sie sitzen ruhig am Tisch und machen ein Puzzle oder spielen mit dem Puppenhaus, während die Jungen draußen im Matsch rumspringen.

Das mag jetzt überzogen klingen und ich weiß, dass hier schon ein Wandel stattfindet, aber dennoch ist das unsere Realität. Immerhin wurde ich schon mehr als einmal schräg dafür angeschaut, wenn meine Tochter bis zur Hüfte in der Matschepfütze stand oder im Sommer barfuß mit zum Einkaufen kam.

Hier eine kleine Randinformation: vergleicht gerne einmal ein ausgewiesenes Mädchen T- Shirt mit einem ausgewiesenen Jungen T- Shirt derselben Größe und desselben Herstellers. Ihr werdet feststellen, dass die Mädchenbekleidung kürzer, enger und tailliert geschnitten ist, im Gegensatz zur Jungenbekleidung. Dasselbe gilt auch bei Hosen. Das Ganze zieht sich so weiter und wird immer komplexer. Mit jedem Lebensjahr kommen neue Erwartungshaltungen hinzu, die nicht immer offen kommuniziert werden. Das kann simple TV- Werbung sein, die uns sagt, was wir kaufen müssen, um noch schöner zu sein. Wie schön wir sein müssen und was schön überhaupt ist, lernen wir durch TV- Shows, social media und sonstige Kanäle. Hinzu kommen Kommentare von Außenstehenden- Bewertungen, rhetorische Fragen, ab- oder aufwertende Komplimente. Nicht nur für das Aussehen, sondern auch für den Lebenslauf.

Die Vergangenheit beleuchten, um unser Heute besser zu verstehen

Die Gesellschaft, die Industrie, ja sogar die ganze Welt stellt also schon bestimmte Rollenerwartungen an unsere Kinder und in der Folge auch an uns. Wir wuchsen selbst damit auf, unfähig, in einem so jungen Alter zu reflektieren und zu filtern. Genauso erging es unseren Müttern und Großmüttern- die allerdings noch mehr Beschränkungen unterlagen, als wir es heute tun.

Genau darauf möchte ich in den nächsten Wochen näher eingehen. Ich werde aufzeigen, was diese Erwartungen waren und inwieweit sie die Frauen vor uns beschränkt haben. Ich möchte auf diese Weise ermöglichen, dass wir einander wieder besser sehen und verstehen können. Auch, wenn wir uns nicht alle einig sind, so können wir schauen, wo die anderen herkommen, um zu verstehen, warum sie einen bestimmten Weg gegangen sind.

Feminismus · Gesellschaft

Wahrnehmungen

Wie wichtig es ist, ab und an eine andere Perspektive einzunehmen, fällt mir immer dann am meisten auf, wenn ich Gespräche mit meiner Mutter und mit meiner Großmutter führe. Es ist faszinierend, was da alles zum Vorschein kommt und verblüfft mich immer wieder. Es gibt eklatante Unterschiede in den erzählten Erlebnissen, jenachdem, wer von beiden sie erzählt. Das, was meine Großmutter als idyllisch und harmonisch wahrnahm, war für meine Mutter manchmal das genaue Gegenteil- und umgekehrt. Auch zwischen dem, was meine Großmutter über ihre Ehe erzählt und dem, was ich von außen miterleben durfte, gibt es teilweise große Unterschiede. Das bringt mich einmal mehr dazu, über Wahrnehmung nachzudenken.

Kurz erklärt, beschreibt Wahrnehmung die Aufnahme und Verarbeitung von sowohl körperlichen Reizen, als auch von Sinnesreizen. In meinem Artikel geht es eher um Sinnesreize.

Dass die menschliche Wahrnehmung variiert, ist lange schon kein Geheimnis mehr. Ein und dasselbe Erlebnis wird von zwei Parteien komplett anders erlebt. Ein Beispiel: Wir machen Familienurlaub am Strand. Das Meer ist an diesem Tage etwas rauer und sehr wellig. Während ich mich bereits fürchte, nur vorne mit den Füßen im Wasser zu stehen, springt mein Bruder mit voller Wonne mitten in die Fluten und hat den Spaß seines Lebens.

Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen, aber auch weiter greifend in der Gesellschaft, ist es also wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Wir neigen beispielsweise dazu, anderen Menschen ihre schlimmen/ traumatischen Erlebnisse abzusprechen, bzw. diese kleinzureden, da diese für uns selbst vielleicht wie Lappalien wirken. Das fängt schon bei den Kindern an, wenn wir ihnen sagen: „Ach komm, ist doch nicht so schlimm, dass dein Lolli auf den Boden gefallen ist. Du kannst ihn trotzdem noch essen.“ Für uns mag es aus der Außenperspektive nicht schlimm sein, für das Kind jedoch kann da gerade eine Welt zusammenbrechen. Genauso kann mein Mann beispielsweise viel besser als ich damit umgehen, wenn eine andere Person schreit. Wir beide bewerten die Situation also ganz anders. Würde mein Mann mir da aber sagen „Stell dich nicht so an, passiert ja nichts“, so fühlte ich mich gekränkt. Dann hätte ich nicht nur Angst vor dem Geschrei, sondern zusätzlich würden mir auch noch meine Gefühle dazu abgesprochen, die aus einer traumatischen Vergangenheit herrühren.

Für den Umgang miteinander bedeutet es also, sich selbst zurücknehmen zu können mit dem eigenen Empfinden, wenn es gar nicht um uns selbst geht. Oftmals ist es ratsam, lieber eine Nachfrage zu stellen, anstatt mit vermeintlichem Wissen punkten zu wollen. Das könnte so lauten:

Was ist es, das diese Situation für dich so schlimm macht? Warum reagierst du nun so ärgerlich? Das ist spannend, ich habe das damals ganz anders erlebt, magst du mir mehr erzählen?  

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Auf diesem Wege laden wir unser Gegenüber dazu ein, die eigene Wahrnehmung genauer zu schildern und bekommen so die Möglichkeit, diese auch verstehen zu können. Jede sinnliche Wahrnehmung ist eng mit Gefühlen verknüpft. Gefühle haben immer eine Daseinsberechtigung und wollen gesehen und akzeptiert werden. Viele Dinge erscheinen auf den ersten Blick schleierhaft, da sie aus der eigenen Perspektive heraus natürlich ganz anders wahrgenommen werden, als die Erzählung es hergibt. Von außen betrachtet macht das Sinn: Natürlich nehme ich die Beziehung zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter anders wahr als die beiden selbst. Schließlich stecke ich da nicht drin, teile nicht dieselben Erfahrungen und Erinnerungen und habe eine ganz andere Gefühlsgrundlage den beiden Frauen gegenüber als diese miteinander. Dadurch, dass ich nicht dabei war, fehlen mir grundlegende Informationen, die die beiden jedoch haben.

Gerade unter Frauen beobachte ich häufig, dass fremde Wahrnehmungen nicht gesehen und akzeptiert werden. Frauen neigen dazu, gegeneinander zu arbeiten, anstatt in die Welten der anderen einzutauchen. Ein paar Stunden (eventuell auch nur Minuten) auf social media reichen aus, um eine Fülle von Mombashing und Momshaming zu beobachten- Phänomene, die sich leider einer immer währenden Beliebtheit erfreuen. Meiner Meinung nach fehlt hier das Verständnis füreinander und die Fähigkeit, die Perspektive der anderen Frauen einzunehmen. Viele beharren auf ihren Standpunkten, die durchaus richtig und vertretbar sind, aber noch lange nicht all die anderen Standpunkte außer Kraft setzen.

Um die eigene Wahrnehmung und somit auch die eigene Meinung für einen Moment zurückzuhalten, kann es helfen, einen tiefen Atemzug zu nehmen und sich selbst zu sagen „Das ist nicht meine Erfahrung und auch nicht mein Gefühl. Es steht mir nicht zu, das zu bewerten.“ Anschließend haben wir, je nach Situation, mehrere Möglichkeiten. Wir können Nachfragen stellen, um mehr Verständnis zu erlangen. Wir können unsere:n Gesprächspartner:in dazu einladen, etwas mehr zu erzählen. Wir können aber auch einfach etwas unkommentiert im Raum stehen lassen und es so hinnehmen.

Ein harmonisches miteinander entsteht, wenn wir Grenzen akzeptieren und anderen Menschen ihre Erfahrungen und Gefühle nicht absprechen. Nehmen wir einander ernst, wachsen Vertrauen und Verbundenheit. Je mehr wir uns für die Wahrnehmung der anderen Person öffnen, desto mehr können wir sie verstehen. So gelangen wir langsam, aber sicher, an einen Punkt, an dem es uns immer leichter fällt, die Perspektive zu wechseln. Das wiederum ist wichtig in allen Bereichen des Lebens.

In Bezug auf unsere Kinder fällt es uns dann leichter, diese zu verstehen und wir können eher nachvollziehen, warum ein für uns banales Ereignis unser Kind sodermaßen aus der Fassung bringt.

In Bezug auf unsere Freundschaften sind wir durch Perspektivwechsel dazu in der Lage, eine neue Tiefe zu erreichen, in der es mehr Verständnis und Offenheit gibt, sodass dort die Verbundenheit wächst.

In Bezug auf unsere Familien sind wir wesentlich konfliktfähiger, weil es uns gelingen kann, jede einzelne Partei zu verstehen und so zu einem Kompromiss zu gelangen, der wirklich für alle Beteiligten passt.

Im Feminismus und vor allem im Miteinander unter Frauen kann es uns so gelingen, wieder zueinander zu finden und gemeinsam stark zu sein, anstatt uns gegenseitig fertig zu machen.

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Selbst mit größter Übung gelingt es uns nicht immer, aus unserer Haut zu kommen und in die Gegenperspektive einzutauchen- vor allem dann nicht, wenn die Grundwerte nicht übereinstimmen oder wenn schon viele Jahre Streit vorangegangen sind. Verschiedene Meinungen zu haben, ist okay und sogar notwendig. In solch einem Moment ist Akzeptanz ein hilfreiches Mittel, um sich nicht zu verrennen. Misslingt Akzeptanz aus verschiedenen Gründen, ist es ratsam, einen Kontaktabbruch in Erwägung zu ziehen. Sind die Fronten über Jahre verhärtet und lassen sich nicht erweichen, werden auch weitere Jahre der Diskussion nichts mehr daran ändern. In so einem Moment ist es absolut okay, den Abstand zu suchen und den eigenen Weg mit Menschen weiterzugehen , die eher dieselben Werte vertreten und deren Wahrnehmungsbereich unserem etwas mehr ähnelt.

Ein Beispiel: Ich selbst ernähre mich größtenteils vegan, selbst unter Zwang könnte ich kein Fleisch essen. Für mich besteht da eine riesige, ethische Hürde. Mein Papa ist omnivor, isst also alles und liebt ein Stück Steak. Er ist offen dafür, vegane Alternativen zu probieren, wird jedoch niemals auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten. Dafür liebt er es zu sehr und auch ethisch ist das einfach nicht sein Thema. Ich könnte noch so sehr versuchen, ihn zu „bekehren“: es wird mir nicht gelingen, weil wir beide andere Grundwerte vertreten und andere Sichtweisen auf die Dinge haben. Hinzu kommt, dass mein Vater ganz anders aufwuchs als ich. Damals gab es nur wirklich selten so etwas teures wie Fleisch, viel wurde im eigenen Garten angebaut oder aus Konserven gegessen. Die Eltern meines Vaters sind dem Krieg entflohen, tierische Produkte hatten für sie also einen ganz anderen Wert als für mich heute. Ich kann also verstehen, was meinen Vater geprägt hat und was seine Beweggründe sind. Und auch, wenn mein Vater vielleicht nicht so ganz verstehen kann, was meine Beweggründe sind: Wir akzeptieren einander, ohne zu verurteilen. Es ist okay, dass er da seinen Weg geht und ich meinen. Betrachtet aus der jeweiligen Perspektive, macht jedes individuelle Verhalten in diesem Fall auch Sinn.

Jede:r von uns nimmt also anders wahr. Wichtig ist, sich in Verständnis zu üben und andere Perspektiven einzunehmen. Andere Wahrnehmungen sollten immer akzeptiert werden, da wir nie so ganz genau wissen, woher ein Mensch stammt und was diesen geprägt hat. Es steht uns nicht zu, zu be- und verurteilen, selbst dann nicht, wenn wir uns absolut im Recht sehen. Auf neutralem Boden können wir immer sagen, dass wir etwas anders wahrgenommen und aufgefasst haben, solange Wertungen dabei nicht vorkommen. Auf diese Weise gelangen wir in einen wertvollen Austausch und ein fruchtbares Miteinander.

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„Stell dich nicht so an“

„Stell dich nicht so an“ ist ein Satz, den es immer mal wieder zu hören gibt im Leben. Schon Kleinkindern wird gesagt, sie mögen sich doch bitte nicht so anstellen, wenn beispielsweise das Brot falsch geschnitten wurde. Häufig fällt dieser Satz aber auch unter Frauen- speziell bei Müttern. So predigen die älteren Mama- Generationen vielleicht „Ihr stellt euch heutzutage so an, früher hatten wir es viel schwerer!“ oder auch „Sei doch froh, dass dein Mann auch mal eine Windel wechselt, bei uns hätte es das ja nie gegeben!“. Das, was diese Sätze bewirken können, geht in viele Richtungen. Bei jungen Müttern führen diese oft zu Verunsicherungen.

Bin ich zu schwach? Habe ich mich überschätzt? Bin ich einfach nicht (gut) genug?

Gerade als frisch gebackene Mama, in einer Zeit, in der sowieso alles im Wandel ist und das ganze Leben um 180 Grad gedreht wird, tun solche Sätze weh. Die anfängliche Zeit der Verunsicherung, die oft verbunden ist mit Selbstzweifeln, wird so zu einer Zeit der Verzweiflung und Selbstzweifel. Heimlich werden bittere Tränen geweint, aber nicht nach außen gezeigt- denn noch mehr Schwäche zuzugeben, gleicht in diesem Falle einem emotionalen Suizid.

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Doch warum sollen wir uns eigentlich „nicht so anstellen“?

Im Patriarchat lebt es sich als Frau unfassbar ungemütlich. Gab es zu Beginn der Zeitgeschichte noch eine relative Gleichwertigkeit der Geschlechter, ist diese recht schnell abhanden gekommen (bereits ein paar Jahrtausende v.Chr.). Ein Sprint durch die Geschichte zeigt: Ja, im Vergleich zu „früher“ haben wir es heute, als Frauen, schon besser. Wir dürfen wählen, langsam und schleppend kommen mehr und mehr Gesetzte zum Schutz der Rechte von Frauen, und nicht zuletzt dank social media schließen Frauen sich immer mehr zusammen und werden laut. Wir stellen fest, dass wir gar nicht allein sind, sondern dass es vielen ähnlich geht wie uns selbst. Wirklich langsam finden auch erste Veränderungen der klassischen Rollenbilder statt; so gibt es vereinzelt Männer, die den Großteil der Carearbeit erledigen, Regenbogenfamilien mehren sich, Begriffe wie „mental load“ und „gender pay gap“ werden diskutiert. Aber reicht das alles aus, um von einer eklatanten Besserung zu sprechen? Nein!

Wir müssen uns anstellen, beschweren und laut sein. Wir müssen immer wieder auf die Missstände hinweisen, denn davon gibt es noch genug. Frauen haben heute zwar wesentlich mehr Möglichkeiten als Frauen der vorherigen Generationen, aber die Rechtslage ist weiterhin dürftig und die Erwartungshaltung der Gesellschaft schier nicht realistisch. An sehr vielen Stellen stecken wir so tief drin im Patriarchat, dass wir den Weg da raus kaum sehen können. Reichte es in der Generation meiner Mutter beispielsweise aus, als Frau die Kinder zu hüten und den Haushalt zu schmeißen (also pro Kind etwa eine Vollzeitstelle plus 24/7 Rufbereitschaft), so kommt heute beispielsweise hinzu, dass Frau nebenher noch Karriere machen soll, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. Außerdem sollte Frau regelmäßig Sport treiben, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen und generell ist es doch gar nicht so schwierig, auf zehn Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Bei ungleicher Bezahlung und weniger Karriereaufstiegschancen für Frauen (vor allem für Mütter), ist das schon ein närrischer Gedanke. Wir stellen uns also heutzutage völlig zurecht in vielen Dingen an- weil es weder machbar noch gesund ist, allen Erwartungen gerecht werden zu wollen.

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Warum sagen denn dann überhaupt noch Menschen, dass wir uns nicht so anstellen sollen?

Ich glaube, dahinter steckt eine Menge Wut und Frust, resultierend aus Jahrtausende währendem Patriarchat. Denn heute haben wir vielerorts (längst nicht überall) die Möglichkeit, laut zu sein und mehr zu fordern, auf Probleme hinzuweisen. Früher ging das nicht. Frauen waren den Großteil der Zeitgeschichte lang ökonomisch komplett abhängig vom Mann, wurden mit Hilfe von Gewalt unterdrückt und gebunden. Sich in solchen Zeiten laut zu beklagen, hätte zu Bestrafung und noch mehr Abhängigkeit geführt, im schlimmsten Falle zum Tod. Ein Teufelskreis, der sich in vielen Teilen der Welt heute noch dreht. Diese Wunden, die da bei den Frauen entstanden sind, und über Jahrtausende immer wieder Fortbestand gefeiert haben, sind tief und kaum heilbar. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Das Leid, dass viele Frauen ertragen mussten und auch heute noch müssen, ist unvorstellbar.

Ich bin also der Überzeugung, dass die älteren Generationen es insgeheim feiern, dass wir uns heute „so viel anstellen“. Denn das bringt uns vorwärts, das bringt uns Veränderung.  Indem wir das tun, legen wir aber auch immer wieder den Finger in alte, tiefe, unverheilte Wunden. Das tut weh, vor allen Dingen denjenigen, die diese Wunden unsichtbar und gut versteckt tragen. Die Reaktion wird also verständlich: Indem ich einen Zustand beklage, der zwar etwas besser ist als früher (aber nach wie vor kacke), popele ich mit meinem Finger in den Wunden einer anderen Frau herum. Das schmerzt und führt sicherlich nicht zu Freudentanz, sondern eher zu bösen Blicken und Missgunst. Ähnlich ist es, wenn man anderen Menschen auf einen sichtbaren, blauen Fleck rumdrückt, nur um zeitgleich zu fragen: „Tut es denn weh?“

Es gab früher schlichtweg weniger Möglichkeiten, sich zu vernetzen und Leidensgenossinnen zu finden. Es war zu gefährlich und riskant, es gab kein Sicherheitsnetz, kaum Rechte. Die meisten litten für sich allein, waren einsam, wurden unterdrückt. Über ganze Leben hinweg wurden Frust und Wut angesammelt, um schließlich an folgende Generationen weitergegeben zu werden. Das gibt es heute zwar auch noch, aber ganz langsam finden Frauen wieder Wege zueinander und stellen fest, dass sie alle im selben Boot sitzen.  

Durch Aufklärung, Digitalisierung und Globalisierung sind wir wieder lauter geworden. Wir finden als Frauen schneller und einfacher zueinander und merken: Wir alle stehen vor ähnlichen Problemen und endlich gibt es Plattformen, auf denen wir uns begegnen und darüber austauschen können. Wir haben die Möglichkeit uns „anzustellen“, weil wir gemeinsam feststellen können: Es ist verdammt hart, in einer patriarchalen Gesellschaft Frau und Mutter zu sein. Das war es schon immer- aber erst jetzt kommt die Zeit, in der Frauen sich wieder zusammenschließen und in der es zumindest nicht mehr so gut verhindert werden kann, DASS Frauen überhaupt etwas sagen.

Auch damals war das Leben als Frau schon hart- mit Sicherheit auch härter als heute-  es wurde nur nie, bzw. höchst selten, darüber gesprochen. Die Isolation während des Lockdowns in der Pandemie mag für viele unerträglich gewesen sein, aber unzählige Frauen kennen dieses Gefühl schon seit Jahrtausenden.

Ich habe Verständnis und empfinde Mitgefühl für die Frauen, die heute sagen, unsere Generation sei weniger belastbar und würde sich anstellen. Denn diese Frauen hatten keine andere Wahl, als sich einen möglichst harten Panzer anzulegen. Diese Frauen tragen noch heute Lasten, deren Schwere nur zu erahnen ist. Im Endeffekt geht es nämlich nicht darum, wer es wann schwerer hatte, sondern darum, Verständnis und Mitgefühl füreinander aufzubringen. Nur dann können wir gemeinsam und stark neue Wege gehen.

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Die Frau, der Zyklus und ich

Die Frau und ihr Monatszyklus- ein wichtiges Thema.

Lange Zeit hat mich mein Zyklus überhaupt nicht interessiert. Ich wusste nicht einmal so recht, dass ich einen habe. Also in der Theorie schon, in der Praxis sah es aber anders aus. Auf Grund einer Hormonstörung und daraus resultierenden neverending Perioden, bekam ich mit etwa 14 Jahren die Pille verschrieben. Zyklus adé. Gute zehn Jahre lang habe ich blind die Pille geschluckt (die Pille selbst ist ein Thema für sich, da schreibe ich gerne mal wann anders drüber). Aus vielen Gründen habe ich diese dann nach etwa zehn Jahren abgesetzt. Ich bekam eine Idee von einem Zyklus: Bei mir war er zumindest schonmal recht unregelmäßig und unberechenbar. Nicht sehr spaßig. Das war es aber auch schon und ich gewöhnte mich daran. Ich wurde trotz Unregelmäßigkeiten schwanger. Ein paar Monate nach der Geburt lernte ich dann zum ersten mal meinen Zyklus so richtig kennen.

Dachte ich früher noch „Ach, was stellen sich manche Weiber denn so an mit ihren Hormonen“ (Patriarchat lässt grüßen), wurde ich dazumal eines besseren belehrt. Zwar kam meine Periode nun regelmäßiger, aber sie kam nicht mehr allein. Mein Zyklus lässt sich seither ganz eindeutig in zwei Teile zerlegen: Die erste Hälfte und die zweite Hälfte.

Die erste Zyklushälfte ist super. In der Regel habe ich gute Laune, viel Energie und blicke zuversichtlich in die Zukunft. Ich kann Projekte angehen, viele Termine wahrnehmen und das Leben ist einfach ein Fest. Ich brauche tatsächlich weniger Schlaf, um mich fit zu fühlen. Ich bin geduldig und ruhe in mir selbst. Es geht bergauf. Um den Eisprung herum habe ich dann die Bergspitze erreicht. Danach geht es steil bergab.

Die Hormone der zweiten Zyklushälfte sorgen so ziemlich für das genaue Gegenteil der ersten Zyklushälfte. Meine Laune sinkt Stück für Stück, die Tage werden unfassbar anstrengend. Ich bin dauernd müde und leicht reizbar. Und, wenn ich ganz viel Glück habe, fangen die Rückenschmerzen schon eine Woche vor der Periode an- und werden erst wieder mit dem Eintreten ebendieser verschwinden. So krieche ich durch die zweite Zyklushälfte und warte sehnsüchtig auf das Eintreffen meiner Regelblutung, denn die ist dann wie ein Befreiungsschlag. Die Talfahrt hat ihr Ende, es geht wieder hinauf in die sonnigen Gefilde des Lebens.

Nicht jeder Monat ist gleich. Mal ist es besser, mal schlimmer. In jedem Fall aber merke ich ganz deutlich, in welcher Zyklushälfte ich mich befinde.

Wozu denn eigentlich dieser ganze Text über meinen Zyklus?

Weil zu wenig darüber geschrieben wird, finde ich. Es ist nach wie vor so, dass ich (oft auch von anderen Frauen) höre, ich solle mich nicht so anstellen. Schließlich hat ja jede Frau ihre Periode. Ist doch kein Grund zum jammern. Tampon rein und weiter zum daily business. Aber genau das ist der springende Punkt: Manchmal ist es so schlimm, dass das Tagesgeschäft nicht mehr zu bewältigen ist. Das hat herzlich wenig mit Anstellerei zu tun. Viel mehr gibt es einfach Zyklen, in denen der Hormoncocktail sodermaßen hochdosiert reinknallt, dass gar nichts mehr geht. Da ist dann einfach die Laune im Keller (das kann bis hin zu depressiven Verstimmungen gehen), der Körper schmerzt und es ist null Energie da.

Das Patriarchat hat lediglich dafür gesorgt, dass wir Frauen das ganz oft mit uns selbst ausmachen. Wir haben vieleicht die ein oder andere Freundin, mit der wir darüber reden. Nichtsdestotrotz ist es weitaus salonfähiger, offensichtlich verkatert zur Arbeit zu erscheinen, als mit zyklusgebeuteltem Frauendasein. Da muss sich dringend etwas ändern. Für den Anfang wäre es hilfreich, würden Frauen sich mehr austauschen. Den Mut aufbringen, offen dazu zu stehen, wenn der Zyklus zuschlägt. Vor allem aber sollten wir die Männer mit einbeziehen, um langsam in ein strukturelles Verständnis zu gelangen.

Anstelle eines doofen Spruches täte es ein Wärmekissen. Eine Tasse Tee. Irgendwas, hauptsache kein blöder Witz.

Nicht alle Frauen sind gleich stark betroffen, so manch eine hat nie Probleme mit ihrem Zyklus. Das macht es aber für diejeneigen, die durchaus Probleme haben, nicht einfacher. Solange wir Frauen uns gegenseitig in die Pfanne hauen, kann es keine Besserung geben. Solange wir uns nicht solidarisch verhalten und uns gegenseitig schräge Blicke zuwerfen, anstatt einander die Hand zu reichen, wird sich nichts verändern.

Spanien steht am Anfang einer Veränderung und ich denke, das kriegen wir auch hin. Lasst uns mehr darüber reden. Der weibliche Monatszyklus gehört zum Leben einer Frau dazu und ist definitiv der Rede wert. Es gibt nichts, wofür Frau sich da schämen müsste, nichts, wovor die Gesellschaft geschützt werden müsste. Dieses Thema gehört auf den Tisch des 21. Jahrhunderts.