Allgemein · Persönlichkeit

Meine spontane Instagram- Pause

Es kommt auf die Perspektive an, wie so oft.

In den letzten Wochen fühlte ich mich vom Leben überrollt. Es hatte den Anschein, als würde an jeder Ecke neuer Stress auf mich warten, um die nächste Kurve das nächste Hindernis. Ich konnte nicht mehr klar denken- was für kreative und stark fühlende Menschen wie mich ein riesiges Desaster ist. Ich wurde immer unausgeglichener, kratzbürstiger und unfairer- vor allem meiner Familie gegenüber. Die Zeit arbeitete gegen mich, als hätte jeder einzelne Tag immer ein paar Minuten weniger als der vorherige, bis am Ende nichts mehr übrigblieb. Außer natürlich überfüllter To- Do- Listen, unerfüllten Wünschen und missachteten Bedürfnissen, davon gab es eine Menge. Ich sehnte mich also nach einer Pause, irgendwo, irgendwie. Das musste doch möglich sein. Warum fiel meine Wahl auf Instagram?

Mir war aufgefallen, dass ich, je stressiger und voller meine Tage wurden, immer mehr mit rumscrollen auf Instagram beschäftigt war. Ich schleppte mein Handy mit zum Klo, legte es beim Kochen nicht aus der Hand und während ich versuchte ein Buch zu lesen, hielt ich es fest, als hinge mein Leben davon ab. Ein Auge auf das Papier gerichtet, das andere aufs Smartphone. Ich war wirklich darüber verärgert, dass mein Handy nicht wasserdicht ist und ich es beim Duschen nicht durchforsten konnte. Irgendwann stellte ich mir selbst die Frage: Was zur Hölle mache ich da und was will ich da eigentlich finden? Entspannung? Ruhe? Die ultimative Lösung für all meine Probleme?

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Spoileralarm: Nichts davon ist auf social media zu finden, jedenfalls nicht für mich. Es war mehr eine Kurzschlussreaktion als eine geplante Tat, aber eines Sonntagabends lag ich im Bett und googelte, wie ich meinen Account vorübergehend deaktivieren konnte. Gelesen, getan. So lag ich nun da, mit dem Handy in der Hand, welches zum ersten Mal seit vielen Monaten (vielleicht auch Jahren, ich weiß es nicht) Ruhe gab. Ich fühlte sofort eine Art der Erleichterung, denn jetzt konnte ich nicht nichts mehr verpassen. Ich verpasste alles und das war, seltsamerweise, okay für mich. Da sickerte auch schon die erste Erkenntnis zu mir durch: Ich hatte fomo! Fear of missing out, was übersetzt in etwa „Angst, etwas zu verpassen“ bedeutet. Ständig dachte ich, mir würde etwas Wichtiges entgehen. DER Storyslide, DER Beitrag, DER Skandal, DIE Lösung. Das alles fiel plötzlich weg. So entstand eine riesige Lücke in meinem Kopf. Eine Lücke, die bisher angefüllt war mit Lebensentwürfen von anderen Menschen, mit Lebenswegen, die nicht meine waren, mit dem Ansporn, es doch auch irgendwie schaffen zu müssen, weil die anderen Menschen schaffen das doch auch so easy- das konnte ich ja jeden Tag sehen.

Natürlich schaffen diese anderen Menschen das alles nicht so leicht. Viele von ihnen betonen und zeigen auch immer wieder, dass es eben oft problematisch und beschwerlich ist. Aber ich wollte nur die schönen Dinge sehen und dachte, das will ich auch. Ich dachte, ich könnte alles haben und versuchte, mir meinen Lebensweg aus den Wegen der anderen gewaltvoll zusammenzuzimmern. Das hat glücklicherweise nicht funktioniert- wie auch?

Da war also diese Lücke in meinem Kopf. Ich lag im Bett und wusste nichts mit mir anzufangen. Normalerweise würde ich so lange auf Instagram rumscrollen, bis mir die Augen brannten und ich mich erschöpft zur Seite drehte, um zu schlafen. Nur um am nächsten Morgen, als erste Amtshandlung, wieder nachzuschauen, ob ich über Nacht irgendetwas versäumt habe.

An diesem Abend war das nicht so. Ich wälzte mich unruhig hin und her und entschied mich irgendwann dazu, einen Einschlaf- Podcast zu hören. Siehe da: Ich konnte mich von Alltagsgeräuschen einfangen und sanft in den Schlaf tragen lassen. Fast ganz ohne mein sonst stattfindendes abendliches Gedankenkreisen.  

Am nächsten morgen wachte ich beschwingt auf und stellte fest: So ein Morgen kann ja recht entspannt verlaufen, wenn man nicht bei jedem Schritt aufs Handy glotzen muss! Plötzlich war da so viel Zeit, die ich vorher nicht hatte. Ich machte mir Entspannungsmusik an, kochte eine Kanne Tee, entzündete Kerzen und schrieb in mein Tagebuch. Das hat sich übrigens seitdem so etabliert als meine Morgenroutine. Anstatt das bisschen kinderfreie Zeit, was ich dann und wann bekomme, mit hektischem Story- Schauen und Beitrags- Überfliegen zu verbringen, nahm ich mir Zeit für mich. Ich begann auf diese Art, meine Gedanken morgens erst einmal zu ordnen. Ich ließ Groll und Wut auf das Papier fließen, entdeckte Hoffnungen und Träume, schmiedete Pläne und sah, wie sich der geistige Nebel lichtete.

Ich weiß, dass Tagebuch schreiben mir hilft, mich zu sortieren, das ist nichts neues. Es fehlte mir schlichtweg die Zeit dazu.

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In den ersten Tagen taten sich viele kleine und große Zeitfenster auf. Normalerweise vollgestopft mit dem Konsum von sozialen Medien, entstanden Räume, andere Dinge zu tun. Ich nahm ein Buch zur Hand und las. Ich beschäftigte mich intensiver mit meinem Kind. Ich brachte die To- Do- Liste auf den neuesten Stand und besprach mich viel mit meinem Mann. Ich merkte recht schnell, dass ich ausgeglichener war und wieder klarer denken konnte. Monatelang war es mir schwergefallen, Prioritäten zu setzen, denn irgendwie erschien ALLES so wichtig. Logisch, denke ich mir jetzt: Ich sauge das, was ich auf social media konsumiere, auf, wie ein Schwamm. Ich bin sehr reizoffen, was in diesem Falle bedeutet, ich denke nachhaltig über gelesenes und gesehenes nach, ich gleiche ab, versuche herauszufiltern, was für mich auch passen könnte und bilde mir Meinungen- zu so vielen verschiedenen Themen, dass am Ende gar keine klare Meinung mehr übrigblieb. Da war nur noch ein Potpourri aus fremden Stimmen in meinem Kopf. Ich stellte meinen eigenen Lebensentwurf in Frage, denn müsste da nicht noch mehr gehen? Kann ich nicht was optimieren? Sollte ich es mal probieren wie Person XY, denn dort hat es schließlich auch funktioniert?

Als ich Instagram den Rücken kehrte, konnte ich recht schnell meinen eigenen, ganz persönlichen Weg wieder sehen. Von Tag zu Tag fiel mir das mit den Prioritäten setzen und dem Lösungen finden immer leichter. Ich hatte nicht nur physische Zeit gewonnen, sondern auch kostbare Denkzeit.

Mein persönliches und gedankliches Chaos ließ sich aufräumen, ich wurde immer klarer. Ich erkannte meine eigenen Grenzen wieder und lerne immer noch, für diese einzustehen und vor allen Dingen sie auch selbst zu achten. Ich missachte häufig meine eigenen Grenzen und tue Dinge, die mir nicht guttun. Manchmal geht es nicht anders. Manchmal hingegen schon, da geht es durchaus anders. Nur konnte ich das nicht sehen, gefangen in einer Art mentaler Konsumsucht.

Gestern Abend habe ich dann beschlossen, dass es Zeit ist für meine Rückkehr. Ich fühle mich stabil, nicht mehr so getrieben und bisher habe ich lediglich kurze Zeit dort verbracht, um Nachrichten zu beantworten und ein Lebenszeichen zu schicken. Der Drang, alles sofort nachlesen und anschauen zu müssen, blieb aus. Stattdessen kann ich mit den Schultern zucken und sagen: „Etwas lebenswichtiges werde ich wohl gerade nicht verpassen“. Ich finde social media wichtig, auf vielen Ebenen. Es dient dem Austausch, dem Networking, als Fenster zur Außenwelt und ich weiß, dass es für viele Personen noch viel mehr ist als all das.

Entscheidend ist der Umgang mit social media und dieser lässt sich eben nicht pauschalisieren. Manche Menschen können unbeschadet den ganzen Tag auf diversen Plattformen verbringen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Andere Menschen können das gar nicht und wieder andere befinden sich irgendwo dazwischen. Ich plädiere also weder für das eine Extrem, noch für das andere. Ich plädiere für einen bewussten, individuellen Umgang.

In meinem Fall sieht das beispielsweise ab jetzt so aus: Mehr gezielte Nutzung, weniger zweckloser Konsum. Ich brauche soziale Medien für meine Präsenz als selbstständige Frau, zur Kundenakquise und zum Networking. Ich erstelle also ab jetzt Pläne, was ich wann posten möchte und schaue bei weniger Profilen aktiv rein. Die Konsumzeit begrenze ich für mich, denn ich habe gelernt, dass mir das nicht guttut. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Ein bisschen Wehmut ist dabei, denn ich folge vielen großartigen Frauen, die durchweg kluge Dinge sagen und wichtige Standpunkte vertreten.  Aber mein Leben findet auf keiner Plattform statt, sondern im hier und jetzt. Ich habe erkannt, dass ich ein Mensch bin, der schnell von einem Thema und fremden Meinungen angezogen und aufgesaugt wird. Das ist keine Schwäche, sondern in vielen Bereichen eine Stärke. Dadurch ist es mir möglich, unzählige Perspektiven anzunehmen und Sachverhalte aus allen Ecken und Winkeln zu betrachten. Das möchte ich ab jetzt für mich und für andere Nutzen und nun weiß ich auch, wie ich mich dabei selbst nicht verliere und im Fokus bleibe: Ich setze Grenzen und nehme mir Pausen.

Die Auszeit von Instagram hat meine To- Do- Liste nicht gekürzt oder mir meinen Stress genommen, geschweige denn meine Probleme gelöst. Sie hat allerdings dafür gesorgt, dass ich das Ganze nun aus einem anderen Blickwinkel sehen kann und wieder auf meinem ganz eigenen Weg gehe.

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„Stell dich nicht so an“

„Stell dich nicht so an“ ist ein Satz, den es immer mal wieder zu hören gibt im Leben. Schon Kleinkindern wird gesagt, sie mögen sich doch bitte nicht so anstellen, wenn beispielsweise das Brot falsch geschnitten wurde. Häufig fällt dieser Satz aber auch unter Frauen- speziell bei Müttern. So predigen die älteren Mama- Generationen vielleicht „Ihr stellt euch heutzutage so an, früher hatten wir es viel schwerer!“ oder auch „Sei doch froh, dass dein Mann auch mal eine Windel wechselt, bei uns hätte es das ja nie gegeben!“. Das, was diese Sätze bewirken können, geht in viele Richtungen. Bei jungen Müttern führen diese oft zu Verunsicherungen.

Bin ich zu schwach? Habe ich mich überschätzt? Bin ich einfach nicht (gut) genug?

Gerade als frisch gebackene Mama, in einer Zeit, in der sowieso alles im Wandel ist und das ganze Leben um 180 Grad gedreht wird, tun solche Sätze weh. Die anfängliche Zeit der Verunsicherung, die oft verbunden ist mit Selbstzweifeln, wird so zu einer Zeit der Verzweiflung und Selbstzweifel. Heimlich werden bittere Tränen geweint, aber nicht nach außen gezeigt- denn noch mehr Schwäche zuzugeben, gleicht in diesem Falle einem emotionalen Suizid.

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Doch warum sollen wir uns eigentlich „nicht so anstellen“?

Im Patriarchat lebt es sich als Frau unfassbar ungemütlich. Gab es zu Beginn der Zeitgeschichte noch eine relative Gleichwertigkeit der Geschlechter, ist diese recht schnell abhanden gekommen (bereits ein paar Jahrtausende v.Chr.). Ein Sprint durch die Geschichte zeigt: Ja, im Vergleich zu „früher“ haben wir es heute, als Frauen, schon besser. Wir dürfen wählen, langsam und schleppend kommen mehr und mehr Gesetzte zum Schutz der Rechte von Frauen, und nicht zuletzt dank social media schließen Frauen sich immer mehr zusammen und werden laut. Wir stellen fest, dass wir gar nicht allein sind, sondern dass es vielen ähnlich geht wie uns selbst. Wirklich langsam finden auch erste Veränderungen der klassischen Rollenbilder statt; so gibt es vereinzelt Männer, die den Großteil der Carearbeit erledigen, Regenbogenfamilien mehren sich, Begriffe wie „mental load“ und „gender pay gap“ werden diskutiert. Aber reicht das alles aus, um von einer eklatanten Besserung zu sprechen? Nein!

Wir müssen uns anstellen, beschweren und laut sein. Wir müssen immer wieder auf die Missstände hinweisen, denn davon gibt es noch genug. Frauen haben heute zwar wesentlich mehr Möglichkeiten als Frauen der vorherigen Generationen, aber die Rechtslage ist weiterhin dürftig und die Erwartungshaltung der Gesellschaft schier nicht realistisch. An sehr vielen Stellen stecken wir so tief drin im Patriarchat, dass wir den Weg da raus kaum sehen können. Reichte es in der Generation meiner Mutter beispielsweise aus, als Frau die Kinder zu hüten und den Haushalt zu schmeißen (also pro Kind etwa eine Vollzeitstelle plus 24/7 Rufbereitschaft), so kommt heute beispielsweise hinzu, dass Frau nebenher noch Karriere machen soll, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. Außerdem sollte Frau regelmäßig Sport treiben, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen und generell ist es doch gar nicht so schwierig, auf zehn Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Bei ungleicher Bezahlung und weniger Karriereaufstiegschancen für Frauen (vor allem für Mütter), ist das schon ein närrischer Gedanke. Wir stellen uns also heutzutage völlig zurecht in vielen Dingen an- weil es weder machbar noch gesund ist, allen Erwartungen gerecht werden zu wollen.

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Warum sagen denn dann überhaupt noch Menschen, dass wir uns nicht so anstellen sollen?

Ich glaube, dahinter steckt eine Menge Wut und Frust, resultierend aus Jahrtausende währendem Patriarchat. Denn heute haben wir vielerorts (längst nicht überall) die Möglichkeit, laut zu sein und mehr zu fordern, auf Probleme hinzuweisen. Früher ging das nicht. Frauen waren den Großteil der Zeitgeschichte lang ökonomisch komplett abhängig vom Mann, wurden mit Hilfe von Gewalt unterdrückt und gebunden. Sich in solchen Zeiten laut zu beklagen, hätte zu Bestrafung und noch mehr Abhängigkeit geführt, im schlimmsten Falle zum Tod. Ein Teufelskreis, der sich in vielen Teilen der Welt heute noch dreht. Diese Wunden, die da bei den Frauen entstanden sind, und über Jahrtausende immer wieder Fortbestand gefeiert haben, sind tief und kaum heilbar. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Das Leid, dass viele Frauen ertragen mussten und auch heute noch müssen, ist unvorstellbar.

Ich bin also der Überzeugung, dass die älteren Generationen es insgeheim feiern, dass wir uns heute „so viel anstellen“. Denn das bringt uns vorwärts, das bringt uns Veränderung.  Indem wir das tun, legen wir aber auch immer wieder den Finger in alte, tiefe, unverheilte Wunden. Das tut weh, vor allen Dingen denjenigen, die diese Wunden unsichtbar und gut versteckt tragen. Die Reaktion wird also verständlich: Indem ich einen Zustand beklage, der zwar etwas besser ist als früher (aber nach wie vor kacke), popele ich mit meinem Finger in den Wunden einer anderen Frau herum. Das schmerzt und führt sicherlich nicht zu Freudentanz, sondern eher zu bösen Blicken und Missgunst. Ähnlich ist es, wenn man anderen Menschen auf einen sichtbaren, blauen Fleck rumdrückt, nur um zeitgleich zu fragen: „Tut es denn weh?“

Es gab früher schlichtweg weniger Möglichkeiten, sich zu vernetzen und Leidensgenossinnen zu finden. Es war zu gefährlich und riskant, es gab kein Sicherheitsnetz, kaum Rechte. Die meisten litten für sich allein, waren einsam, wurden unterdrückt. Über ganze Leben hinweg wurden Frust und Wut angesammelt, um schließlich an folgende Generationen weitergegeben zu werden. Das gibt es heute zwar auch noch, aber ganz langsam finden Frauen wieder Wege zueinander und stellen fest, dass sie alle im selben Boot sitzen.  

Durch Aufklärung, Digitalisierung und Globalisierung sind wir wieder lauter geworden. Wir finden als Frauen schneller und einfacher zueinander und merken: Wir alle stehen vor ähnlichen Problemen und endlich gibt es Plattformen, auf denen wir uns begegnen und darüber austauschen können. Wir haben die Möglichkeit uns „anzustellen“, weil wir gemeinsam feststellen können: Es ist verdammt hart, in einer patriarchalen Gesellschaft Frau und Mutter zu sein. Das war es schon immer- aber erst jetzt kommt die Zeit, in der Frauen sich wieder zusammenschließen und in der es zumindest nicht mehr so gut verhindert werden kann, DASS Frauen überhaupt etwas sagen.

Auch damals war das Leben als Frau schon hart- mit Sicherheit auch härter als heute-  es wurde nur nie, bzw. höchst selten, darüber gesprochen. Die Isolation während des Lockdowns in der Pandemie mag für viele unerträglich gewesen sein, aber unzählige Frauen kennen dieses Gefühl schon seit Jahrtausenden.

Ich habe Verständnis und empfinde Mitgefühl für die Frauen, die heute sagen, unsere Generation sei weniger belastbar und würde sich anstellen. Denn diese Frauen hatten keine andere Wahl, als sich einen möglichst harten Panzer anzulegen. Diese Frauen tragen noch heute Lasten, deren Schwere nur zu erahnen ist. Im Endeffekt geht es nämlich nicht darum, wer es wann schwerer hatte, sondern darum, Verständnis und Mitgefühl füreinander aufzubringen. Nur dann können wir gemeinsam und stark neue Wege gehen.

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Die Frau, der Zyklus und ich

Die Frau und ihr Monatszyklus- ein wichtiges Thema.

Lange Zeit hat mich mein Zyklus überhaupt nicht interessiert. Ich wusste nicht einmal so recht, dass ich einen habe. Also in der Theorie schon, in der Praxis sah es aber anders aus. Auf Grund einer Hormonstörung und daraus resultierenden neverending Perioden, bekam ich mit etwa 14 Jahren die Pille verschrieben. Zyklus adé. Gute zehn Jahre lang habe ich blind die Pille geschluckt (die Pille selbst ist ein Thema für sich, da schreibe ich gerne mal wann anders drüber). Aus vielen Gründen habe ich diese dann nach etwa zehn Jahren abgesetzt. Ich bekam eine Idee von einem Zyklus: Bei mir war er zumindest schonmal recht unregelmäßig und unberechenbar. Nicht sehr spaßig. Das war es aber auch schon und ich gewöhnte mich daran. Ich wurde trotz Unregelmäßigkeiten schwanger. Ein paar Monate nach der Geburt lernte ich dann zum ersten mal meinen Zyklus so richtig kennen.

Dachte ich früher noch „Ach, was stellen sich manche Weiber denn so an mit ihren Hormonen“ (Patriarchat lässt grüßen), wurde ich dazumal eines besseren belehrt. Zwar kam meine Periode nun regelmäßiger, aber sie kam nicht mehr allein. Mein Zyklus lässt sich seither ganz eindeutig in zwei Teile zerlegen: Die erste Hälfte und die zweite Hälfte.

Die erste Zyklushälfte ist super. In der Regel habe ich gute Laune, viel Energie und blicke zuversichtlich in die Zukunft. Ich kann Projekte angehen, viele Termine wahrnehmen und das Leben ist einfach ein Fest. Ich brauche tatsächlich weniger Schlaf, um mich fit zu fühlen. Ich bin geduldig und ruhe in mir selbst. Es geht bergauf. Um den Eisprung herum habe ich dann die Bergspitze erreicht. Danach geht es steil bergab.

Die Hormone der zweiten Zyklushälfte sorgen so ziemlich für das genaue Gegenteil der ersten Zyklushälfte. Meine Laune sinkt Stück für Stück, die Tage werden unfassbar anstrengend. Ich bin dauernd müde und leicht reizbar. Und, wenn ich ganz viel Glück habe, fangen die Rückenschmerzen schon eine Woche vor der Periode an- und werden erst wieder mit dem Eintreten ebendieser verschwinden. So krieche ich durch die zweite Zyklushälfte und warte sehnsüchtig auf das Eintreffen meiner Regelblutung, denn die ist dann wie ein Befreiungsschlag. Die Talfahrt hat ihr Ende, es geht wieder hinauf in die sonnigen Gefilde des Lebens.

Nicht jeder Monat ist gleich. Mal ist es besser, mal schlimmer. In jedem Fall aber merke ich ganz deutlich, in welcher Zyklushälfte ich mich befinde.

Wozu denn eigentlich dieser ganze Text über meinen Zyklus?

Weil zu wenig darüber geschrieben wird, finde ich. Es ist nach wie vor so, dass ich (oft auch von anderen Frauen) höre, ich solle mich nicht so anstellen. Schließlich hat ja jede Frau ihre Periode. Ist doch kein Grund zum jammern. Tampon rein und weiter zum daily business. Aber genau das ist der springende Punkt: Manchmal ist es so schlimm, dass das Tagesgeschäft nicht mehr zu bewältigen ist. Das hat herzlich wenig mit Anstellerei zu tun. Viel mehr gibt es einfach Zyklen, in denen der Hormoncocktail sodermaßen hochdosiert reinknallt, dass gar nichts mehr geht. Da ist dann einfach die Laune im Keller (das kann bis hin zu depressiven Verstimmungen gehen), der Körper schmerzt und es ist null Energie da.

Das Patriarchat hat lediglich dafür gesorgt, dass wir Frauen das ganz oft mit uns selbst ausmachen. Wir haben vieleicht die ein oder andere Freundin, mit der wir darüber reden. Nichtsdestotrotz ist es weitaus salonfähiger, offensichtlich verkatert zur Arbeit zu erscheinen, als mit zyklusgebeuteltem Frauendasein. Da muss sich dringend etwas ändern. Für den Anfang wäre es hilfreich, würden Frauen sich mehr austauschen. Den Mut aufbringen, offen dazu zu stehen, wenn der Zyklus zuschlägt. Vor allem aber sollten wir die Männer mit einbeziehen, um langsam in ein strukturelles Verständnis zu gelangen.

Anstelle eines doofen Spruches täte es ein Wärmekissen. Eine Tasse Tee. Irgendwas, hauptsache kein blöder Witz.

Nicht alle Frauen sind gleich stark betroffen, so manch eine hat nie Probleme mit ihrem Zyklus. Das macht es aber für diejeneigen, die durchaus Probleme haben, nicht einfacher. Solange wir Frauen uns gegenseitig in die Pfanne hauen, kann es keine Besserung geben. Solange wir uns nicht solidarisch verhalten und uns gegenseitig schräge Blicke zuwerfen, anstatt einander die Hand zu reichen, wird sich nichts verändern.

Spanien steht am Anfang einer Veränderung und ich denke, das kriegen wir auch hin. Lasst uns mehr darüber reden. Der weibliche Monatszyklus gehört zum Leben einer Frau dazu und ist definitiv der Rede wert. Es gibt nichts, wofür Frau sich da schämen müsste, nichts, wovor die Gesellschaft geschützt werden müsste. Dieses Thema gehört auf den Tisch des 21. Jahrhunderts.

Allgemein

Über Glaubenssätze

Immer häufiger lese und höre ich etwas über sogenannte „Glaubenssätze“. Doch was ist das überhaupt und warum lohnt sich ein Blick auf unsere eigenen Glaubenssätze?

Glaubenssätze sind Überzeugungen, die tief in unserem Unterbewusstsein verankert sind. Die meisten Glaubenssätze etablieren sich in unserer Kindheit und Jugend im Zusammensein mit unseren engsten Bezugspersonen. Innerlich glauben wir fest an diese Sätze; sie stellen für uns die Wahrheit dar. Unterschwellig wirken diese Sätze sich auf unseren Alltag und unser Leben aus- sie können uns also entweder voran treiben oder ausbremsen.

Glaubenssätze können sowohl positiv, als auch negativ formuliert und hinterlegt sein. Positive Beispiele sind „Ich kann das schaffen“ oder „Ich bin gut so wie ich bin“. Negative Beispiele können sein „Ich schaffe das nie im Leben“ und „Ich bin nicht gut genug“.

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Ein Mensch, erfüllt von positiven Glaubenssätzen, wird vermutlich auch frohen Mutes durch das Leben schreiten. Schließlich ist dieser Mensch weitestgehend im Reinen mit sich selbst, besitzt ein gutes Maß an Selbstwertgefühl und an Selbstvertrauen. Ein Mensch, der viele positive Glaubenssätze verinnerlicht hat, lebt diese aus. Doch was passiert mit den Menschen, die von negativen Glaubenssätzen erfüllt sind?

Als Beispiel nehme ich an dieser Stelle mal den Satz: „Ich kann das nicht“. Tief verwurzelt im Unterbewusstsein beeinträchtigt dieser Satz nun das Leben, ohne, dass er dabei Aufmerksamkeit erregt. Wann immer nun eine neue Herausforderung im Leben ansteht, z.B. eine Prüfungssituation, ein Vorstellungsgespräch oder auch große Ereignisse wie z.B. die Geburt eine Kindes, kann sich dieser Glaubenssatz melden. Die erste Reaktion auf diese Herausforderungen kommt aus dem Unterbewusstsein und lautet „Ich kann das nicht“. Logisch, denn ist unser Verstand mit der aktuellen Situation überfordert, übernimmt das Unterbewusstsein und reagiert mit Hilfe unserer Glaubenssätze, die ja innere Überzeugungen sind. Gehe ich jedoch mit dieser negativen Einstellung in eine Prüfung, wo noch Aufregung hinzu kommt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es wirklich vergeige. Die Negativspirale dreht sich, das eine begünstigt das andere. Blackout. Das Ding ist gelaufen.

Hier wird also deutlich, warum sich ein Blick auf unsere eigenen Glaubenssätze lohnt. Sie beeinflussen uns, ob wir wollen oder nicht, tagtäglich- mal mehr, mal weniger. Die gute Nachricht ist: Sobald ein negativer Glaubenssatz gefunden wurde, lässt er sich auflösen. Aber wie kann ich meine negativen Glaubenssätze aufspüren?

Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, negative Glaubenssätze aufzuspüren. Manchmal lassen sie sich in unseren persönlichen großen Problemen erkennen. Beispiel: Du bist unzufrieden in deinem Job als Büroangestellte*r, weil du viel lieber selbstständig tätig wärst als Künstler*in- nimmst aber nie einen Pinsel in die Hand. Was blockiert dich so? Es könnte ein negativer Glaubenssatz á la „Ich bin nicht gut im malen“ oder „Ich werde es nie schaffen“ sein.

Manchmal kann es auch helfen, sich selbst zu hinterfragen. Beispiel: Dein Herz schlägt schneller bei der Idee, eine neue Sportart (z.B. Surfen) auszuprobieren- du verwirfst diese Idee aber sofort wieder, weil du davon überzeugt bist, dass du es eh nicht schaffst. Frage dich selbst: Warum denke ich eigentlich, dass ich es nicht schaffen kann? Spricht etwas körperliches dagegen? Nein? Gut, denn dann ist es vielleicht ein Glaubenssatz wie „Ich schaffe nie, was ich mir vornehme“ oder „Ich bin in sowas nicht gut“.

Eine weitere Möglichkeit, so einen Glaubenssatz zu erkennen, ist der Blick in die eigene Kindheit. Wie bist du aufgewachsen? Welche Werte wurden in deiner Familie gelebt? Wurden bestimmte Sprichwörter wieder und wieder genannt (sowas wie „Jungen weinen nicht“ beispielsweise- das kann dazu führen, dass erwachsene Männer den Glaubenssatz verinnerlicht haben „Ich darf nicht weinen“)?

Wenn du so gar keine Idee davon bekommst, welche Glaubenssätze in dir arbeiten, kann es auch hilfreich sein, einfach mal im Internet zu suchen. Viele Menschen haben bereits viele Listen erstellt mit ihren eigenen Glaubenssätzen. Lies sie dir durch und schau, ob einer davon auch auf dich passt. Vielleicht wird dadurch auch einfach dein Denken angeregt und du erkennst plötzlich, was dich blockiert.

So einen Glaubenssatz zu erkennen, ist der erste Schritt, ihn dann aufzulösen oder in etwas positives umzuwandeln. Ich schreibe diesen Satz zunächst gerne auf, um ihn dann in einen positiven Satz umzuformulieren. Aus „Ich schaffe nie etwas“ kann zunächst sowas werden wie „Ich schaffe das noch nicht“. So hat der ursprüngliche negative Glaubenssatz schon weniger Kraft. Nach einer Weile lässt sich der Satz weiter transformieren, hin zu „Ich kann Dinge schaffen, die ich mir vornehme“. Diesen positiven Satz gilt es nun, regelmäßig zu wiederholen, damit er präsent wird und sich so immer tiefer in unser Unterbewusstsein festsetzt. Wichtig dabei ist, sich nicht allein darauf zu verlassen, dass ein paar positive Worte das Ruder rumreißen werden. Der Ursprung des Glaubenssatzes muss identifiziert und angegangen werden. Beispiel: Du warst als Kind vielleicht nicht am geschicktesten darin, mit deinen Bauklötzen einen Turm zu bauen. Dir wurde gesagt „Hach, du wirst es nie schaffen!“. Das ganze setzte sich dann eventuell noch in der Schule fort, weil du in einem Fach keine sonderlich guten Noten nach Hause gebracht hast. „Du wirst so nie dein Abitur schaffen!“, sagten sie. So hat sich der Satz „Ich schaffe nie etwas“ bei dir gefestigt. In diesem Falle wäre es wichtig zu sehen und zu erkennen, dass du vielleicht in kleinen Teilbereichen nicht die erwartete Leistung erbracht hast, aber dafür in vielen anderen Bereichen durchaus viel geschafft hast und talentiert bist. Ein*e schlechte*r Turmbauer*in kann trotzdem ein*e geschickte*r Puzzler*in sein. In einem Fach schlechte Noten, aber dafür in allen anderen gute Noten? Das ist doch wunderbar!

Die Erkenntnis, dass viele Glaubenssätze verursacht werden durch die Erwartungshaltung anderer Menschen (meistens die engsten Bezugspersonen der Kindheit), ist oft schon hilfreich. Denn die negativen Glaubenssätze haben selten etwas mit unserer wahren Persönlichkeit zu tun.

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Nun reicht ein positiv formulierter Satz allein aber in der Regel nicht aus. Langfristig ändert sich ein Glaubenssatz erst, wenn er durch dazugehörige Taten ins positive Licht gebracht wird. Lautet der ursprüngliche Satz also „Ich schaffe nie etwas“ gilt es, aus der Komfortzone herauszukommen und etwas zu schaffen. Kleine Schritte sind hier ratsam- wenn ich mich mein Leben lang verkrochen und nie etwas gewagt habe, werde ich von heute auf morgen auch nicht in der Lage sein, den Mount Everest zu besteigen. Für den Anfang kann es dieses eine Telefonat sein, was ich schon Wochen vor mir her schiebe. Oder endlich mal dieses Zeitschriften- Abo kündigen, was ich schon vor zwei Jahren machen wollte, weil ich sie gar nicht mehr lese. Das führt zu ersten Erfolgserlebnissen und untermauert den positiven Glaubenssatz „Ich kann Dinge schaffen, die ich mir vornehme“.

Ein professionelles Coaching, bzw. generell professionelle Hilfe ist eine weitere Option, negative Glaubenssätze zu erkennen und aufzulösen- vor allen Dingen dann, wenn ein eigenständiges Weiterkommen nicht möglich ist.

Der Blick auf die eigenen Glaubenssätze lohnt sich also immer, da vor allem die negativen Glaubenssätze uns ausbremsen und uns am erfüllten Leben hindern. Vieles von dem, was uns unterbewusst steuert, passt vielleicht gar nicht zu uns und sollte überarbeitet werden. Positive Glaubenssätze funktionieren wie Benzin: Sie bringen uns voran und führen dazu, dass wir das Leben leben, welches wir uns wünschen.

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Wut

Schon lange beschäftigt mich das Thema Wut. Wut war meine ständige Begleiterin. Es gab kaum einen Tag, an dem sie nicht ihren Arm um mich legte und mich begleitete. Sie sorgte dafür, dass ich mich immer und ständig über alles aufregen konnte. Sie befeuerte die Streitgespräche, die ich in meinem Kopf führte. Ihr gingen niemals die Argumente aus, warum eine Sache es wert war, bewütet zu werden.

Das war ziemlich zermürbend. Anstrengend. Auslaugend. Und vor allen Dingen auch total unbegründet. Wer hat denn was von diesen Streitgesprächen, die niemals stattgefunden haben und auch nicht stattfinden werden? Was bringt es mir, wenn ich mich über alles aufrege? Und woher, verdammt nochmal, kommt diese Wut eigentlich?

Das ganze einfach abstellen, funktionierte aber auch nicht. Das hatte ich schon unendlich viele Male versucht, ohne Erfolg. Das schlimmste daran war und ist, dass so eine Denkweise eine ziemlich fette Abwärtsspirale darstellt: Es beginnt mit einer kleinen Aufregung, steigert sich zu einem Ärgenis und kocht dann hoch zu echten Wutgefühlen, die mir manchmal den ganzen Tag versauten.

Es gab viele Situationen, in denen ich mich auf ein Treffen oder ein Ereignis gefreut hatte und wo meine innere Wut mir dann die Freude verdorben hat. Nie haben sich diese Wut- Horror- Szenarien aus meinem Kopf bewahrheitet. Übrig blieb ich, mit dem Gedanken „War ja doch nicht so kacke.“ und dem Gefühl, dass ich mir diesen hausgemachten Ärger auch hätte sparen können.

Ich stellte mir also die Frage: Was ist Wut und wozu ist sie überhaupt gut?

Wut entsteht immer dann, wenn unsere persönlichen Grenzen überschritten werden und/ oder wenn wir von großer Unzufriedenheit in einem oder mehreren Bereichen unseres Lebens geplagt werden. Daraus resultiert auch, wozu die Wut da ist: Sie sagt uns, wo etwas nicht in Ordnung ist und treibt uns an, etwas dagegen zu tun. Um die eigene, geistige und körperliche Gesundheit zu wahren, ist Wut also in gewissem Maße sogar notwendig.

Mir fiel es immer schwer, meine persönlichen Grenzen abzustecken und für ebendiese einzustehen. Das hatte zur Folge, dass oftmals Grenzen überschritten wurden. So brauche ich beispielsweise eine gewisse Zeit am Tag nur für mich allein, in Ruhe, damit ich klar denken kann. Klar geht es ab und an mal ohne diese Zeit, aber nicht über mehrere Tage. Dann bin ich gereizt und unausgeglichen. Von diesen kleinen Grenzen gibt es, wie bei jedem Menschen, unfassbar viele. Bei jedem sind diese Grenzen ein wenig anders, also ist es wichtig, darüber zu reden. Ich konnte das nicht und bin so über die Jahre wirklich empfindlich geworden. Es fühlt sich für mich nun übermäßig schnell nach einer Grenzüberschreitung an, obwohl es das häufig nicht ist. Ein gutes Beispiel hierfür: Ich sitze auf der Couch und schaue einen Film. Nebenan niest jemand sehr laut. Sofort keimt in mir der erste Ärger auf: Warum stört sie mich beim Film?! Einen Moment später wird mir klar: Meine Reaktion, allein der Gedanke, ist völlig überzogen.

Was ist also los, wenn wir uns immer und ständig aufregen, ohne triftigen Grund?

Oftmals liegen die Gründe dafür nicht offen ersichtlich auf dem Silbertablett herum. Man muss hinter die eigene Wut schauen, um zu erkennen, was sie sagen möchte.

Wir sind sauer, weil unsere Kinder aus Versehen ein Glas umkippen? Vielleicht wurden wir selbst als Kinder dafür übermäßig gemaßregelt.

Wir reagieren gereizt, wenn jemand in der Öffentlichkeit laut lacht? Vielleicht werten wir das als persönlichen Angriff, weil wir selbst heute ein Bedürfnis nach mehr Ruhe haben.

Wir denken uns „Was guckt die denn so blöd?“ und werfen einen bösen Blick zurück, obwohl die Frau da vorne einfach nur freundlich lächelt? Vielleicht haben wir in der Vergangenheit Missachtung erfahren und erwarten nun von jedem eine gewisse Portion davon.

Diese Beispiele zeigen ein überhöhtes, unberechtigtes Maß an Wut. Ärgern uns all die kleinen Dinge und Gegebenheiten, die der Alltag mit sich bringt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Oft haben wir selbst in der Vergangenheit Verletzungen und Grenzüberschreitungen erfahren, die wir nicht richtig verarbeiten konnten. Das wiederum führt zu Frustration und erhöhter Sensibilität.

Für mich war es schon befreiend, überhaupt zu erkennen, wann meine Wut berechtigt ist und wann nicht. Dazu ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln. Sobald ich merke, dass Wut in mir hoch kommt, frage ich mich zunächst: Was genau macht mich denn jetzt wütend? Ist es wirklich das umgekippte Glas Wasser oder ist es der alte Schmerz, der da wieder hoch kommt, weil ich für dieses Versehen so viele Male ausgeschimpft wurde? Dabei muss ich feststellen, dass es eben nicht das verschüttete Wasser ist, sondern wirklich der Schmerz von damals. Habe ich das erkannt, flacht die Wut auch sofort wieder ab. Alles, was die Wut in diesem Moment sagen wollte, war: Schau mal, da tut dir noch was weh, von damals.

Hinter die Wutfassade zu schauen ist definitiv aufschlussreich. Mit ein bisschen Übung wird man immer besser darin, zu erkennen: Ist meine Wut berechtigt oder nicht? Macht gerade wirklich der andere etwas doofes oder kommen da irgendwelche Bilder aus der Vergangenheit hoch, die ich projiziere?

Es gibt natürlich auch die berechtigte Wut, beispielsweise, wenn persönliche Grenzen überschritten werden oder wenn etwas beleidigendes/ verletztendes gesagt wird. In solch einem Moment ist es wichtig und vor allen Dingen produktiv, die eigene Wut darüber klar zu kommunizieren. Das darf auch mal in eine lauteren Stimmlage passieren, solange die Botschaft deutlich bleibt. Es macht nämlich einen Unterschied, ob ich sage:

„Du Arsch, immer bist du so laut und nervig!“ (Das Gegenüber fühlt sich beleidigt und verletzt)

oder, ob ich sage:

„Du Arsch, ich möchte mich konzentrieren, jetzt lass mich in Ruhe!“ (Das Gegenüber erkennt, dass ich hier ein Bedürfnis nach Ruhe habe und nicht gestört werden möchte).

Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass mein Leben ruhiger und entspannter geworden ist. Es ist ein bisschen so, als hätte ich nach vielen Jahren, in denen ich die falsche Brille getragen habe, nun eine aufgesetzt, die mich wirklich klar sehen lässt.

Als wichtige Erkenntnisse können wir also folgendes mitnehmen:

  • Wut ist wichtig, um die eigenen Grenzen erkennen und wahrnehmen zu können
  • Wut schützt uns vor Verletzungen in vielerlei Hinsicht
  • Bist du immer und ständig wütend? –> Vielleicht hast du in deiner Vergangenheit etwas erlebt, was dich heute noch wütend werden lässt
  • Wut kann unberechtigt sein –> Perspektive wechseln!
  • Wut kann berechtigt sein –> Kommuniziere klar und deutlich, dass gerade eine Grenze überschritten wurde/ du dich verletzt fühlst/ etc.