Feminismus · Gesellschaft

Abschluss der Themenwochen

Es lohnt sich, immer das gesamte Bild aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So gewinnen wir eine Übersicht, können Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten erkennen. Wir kennen nun eine grobe Zusammenfassung unserer Vergangenheit und vielleicht ist es an der ein oder anderen Stelle schon zu mehr Verständnis gekommen.

Doch was können wir mit diesem Wissen nun anfangen und wie geht es weiter?

In den letzten einhundert Jahren ist so einiges passiert und vieles hat sich getan. Es gab für die Frauenbewegung gute und schlechte Momente, Erfolge und Rückschläge. Wir sind weiter nach vorne gekommen, haben jedoch Kernprobleme nach wie vor nicht überwinden können und, was ich persönlich ganz entscheidend finde, uns aus den Augen verloren.

Der Umgangston unter den Frauen ist rau, das zeigt sich sowohl auf social media, als auch im echten Leben. Es gehört leider immer noch zur Norm, beispielsweise die Körper anderer Frauen kritisch zu begutachten, Lebensweisen zu kommentieren und uns Meinungen zu bilden über die andere, deren Lebensrealität wir eben nie ganz kennen werden.

Der Feminismus gliedert sich in dermaßen viele Untergruppen, dass eine Übersicht nur schwierig zu erstellen ist. Es gibt unfassbar viele strukturelle Probleme und jede dieser Gruppierungen scheint sich auf einen Teil davon spezialisiert zu haben. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, geht es viel um Mutterschaft und familiäre Ungerechtigkeiten. Andere Feminist*innen setzen sich gegen Rassismus ein, wieder andere haben Gewalt an Frauen im Fokus und die nächsten beschäftigen sich eher mit Ungerechtigkeiten im Berufsleben. Jede einzelne Gruppe ist von enormer Wichtigkeit und in ihrem Dasein unerlässlich. Es ist unmöglich, dass sich, in diesem Sinne, eine Person allein um all die Probleme kümmert, die wir haben.

Wir brauchen also diese Gliederung in Untergruppierungen unbedingt, müssen aber dringend an den Verbindungsstellen arbeiten. 

Dazu müssen wir uns vernetzen und miteinander in Kontakt kommen. Solch eine groß angelegte Verbindung braucht Regeln. Veränderungen im System geschehen nicht über Nacht und werden in den seltensten Fällen von Einzelpersonen bewirkt. Wir brauchen also zunächst festgelegte Umgangsformen für ein wertschätzendes Miteinander. Diese könnten in etwa so lauten:

Wir hören einander zu.

Wir gehen wertschätzend miteinander um.

Wir respektieren die Grenzen der anderen.

Wir feiern unsere Unterschiede.

Jede Sichtweise ist zunächst einmal valide.

Was ich nicht verstehe, hinterfrage ich.

Es darf Meinungen geben, die mir nicht gefallen- das macht sie aber noch lange nicht zu „falschen“ Meinungen.

Wir ver- und beurteilen einander nicht.

Das alles sind keine dogmatischen Regeln für ein sektenhaft angehauchtes Unterfangen. Das sind respektvolle und höfliche Umgangsformen. Gerade unter Frauen sind diese Verhaltensweisen über Jahrhunderte hinweg verloren gegangen, sie wurden abtrainiert und abgewöhnt. Wir werden aber nicht weiterkommen, wenn wir in alten Mustern verharren. Wir brauchen neue Sichtweisen und wir brauchen ein Miteinander, das alle mit einschließt.

Wie schaffen wir es, wieder verbundener miteinander zu sein?

Wir alle sind stark geprägt durch jahrzehntelange Machtkämpfe auf allen Seiten. Auf der einen Seite steht das Patriarchat mit all seinen negativen Auswirkungen, auf der anderen Seite stehen Frauen, denen häufig die Stimme zur Gegenwehr fehlte. Die Landschaft scheint verwüstet und zerklüftet. Es gilt, Differenzen zu überwinden und Brücken zu bauen. Wir können entweder weitere, unzählige Jahre damit vergeuden, uns an unseren Unterschieden aufzuhängen und das alleinige Meinungsrecht zu fordern. Wir können stattdessen aber auch Verständnis füreinander aufbringen und gemeinsam in dieselbe Richtung schauen. Um beim Landschaftsbild zu bleiben: Anstatt ziellos durch die Verwüstung zu schlendern in der Hoffnung, irgendwas zu erreichen, können wir gemeinsam stehen bleiben und anfangen, den Acker zu bearbeiten. Jede*r einzelne hat besondere Fähigkeiten, ExpertInnenwissen und eine wertvolle Meinung, die dazu beitragen wird, etwas zu verändern. Indem wir das verstehen und akzeptieren, indem wir offenen Herzens aufeinander zugehen, entsteht Verbindung. Wir müssen nicht alle beste FreundInnen werden, es reicht ein wohlwollender Blick auf die anderen.

Eine gute Möglichkeit, wieder mehr mit anderen Frauen in Kontakt zu kommen, sind beispielsweise Frauenkreise. Es gibt eine Vielzahl davon örtlich gebunden, aber auch online. Dort geht es darum, sich selbst zu spüren und in einen Raum zu gehen, in der jede einfach sie selbst sein darf. Das kann wohltuend und augenöffnend sein. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit den anderen kann dabei entstehen.

Manchmal hilft auch einfach etwas Mut. Ich bin mir sicher, dass fast jede*r ein Vorbild hat, eine inspirierende Vorreiterin. Eine Mail kostet quasi kein Geld und ist schnell verschickt. Auf diese Weise können wundervolle und bereichernde Kontakte entstehen, aus denen wiederum eine großartige Zusammenarbeit entspringen kann. Einander Anerkennung für geleistete Arbeit zu zeigen, ist ein riesiger Schritt in die richtige Richtung.

Wir können aktiv aufeinander zugehen und zwar so lange, bis wir eine große Gruppe der Vielfalt geworden sind.

Und was ist, wenn es mit dem Verständnis gar nicht klappt?

Es gibt sie zu genüge: toxische Familienverhältnisse und Beziehungen. Es gibt Probleme, die lassen sich nicht weg- kommunizieren. Es gibt Traumata, die tief sitzen und professioneller Hilfe bedürfen und es gibt noch so vieles mehr in diesem Spektrum. Da hilft das größte Verständnis nichts, da hilft nur eines: Akzeptieren, wie es ist, und weiter gehen. Wir können und müssen nicht immer in harmonischem Einklang mit unseren Vorfahrinnen und/ oder Mitmenschen leben. Ich kenne beispielsweise einige Frauen, die ganz bewusst und völlig berechtigt den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen haben. Das ist okay und in vielen Fällen auch die einzige gesunde Option. Was dennoch möglich ist: Die Generation oder Frau im Ganzen zu sehen und Frieden zu schließen mit eben dieser. Unsere eigene Vergangenheit mag sehr dunkel und schmerzhaft sein, aber in der Gegenwart können wir dennoch mit anderen Frauen zusammenarbeiten.

Was bedeutet das für den Umgang mit unseren Kindern?

Wenn ich mir die Vergangenheit anschaue, muss ich unweigerlich auch an die Zukunft denken. Wir sind die Vorbilder für unsere Kinder und das ist ein weiterer Punkt, an dem wir arbeiten können. Wir können die Vergangenheit nicht verändern und die Zukunft nur zu einem gewissen Teil beeinflussen- schließlich haben wir sie nicht in der Hand und Kontrolle über die Zukunft hat kein Mensch. Was wir aber tun können, ist, unsere Kinder aufzuklären und unser möglichstes zu tun, ihnen neue Rollenbilder vorzuleben und ihnen Ideen zu geben für Alternativen.

Wir müssen ihnen zeigen, wie wir mit uns selbst und miteinander respektvoll umgehen. Die Sache mit dem Selbstrespekt ist von enormer Wichtigkeit, denn nur, wenn ich mich selbst achte, kann ich das auch bei anderen Menschen tun. Wir dürfen ihnen nicht beibringen, andere aus immer kritischen Augen zu betrachten. Wir müssen ihnen zeigen, mit mildem Auge auf unsere Mitmenschen zu schauen, um ihnen die Verbindung zu ermöglichen, die wir verloren haben. Wir haben jetzt die Möglichkeit, unseren Kindern ein Netz zu bauen, in dem sie Rückhalt und Unterstützung finden können- unabhängig vom Elternhaus.

Ich wünsche mir daher, dass wir uns Räume zurückerobern. Orte, an denen wir uns treffen und ins Gespräch kommen können- egal wie alt und egal welches Geschlecht. Es braucht Verbindung zwischen allen und Aufklärung für jede*n. Wir haben gute Ressourcen, um uns wieder neu miteinander zu vereinen. Spätestens in der Pandemie haben wir gelernt, uns online zu vernetzen. Lasst uns das größer machen und vor allen Dingen mit Respekt und Verständnis füreinander. Lasst uns ins Gespräch kommen und einander zuhören, im Beisein unserer Kinder. Nur wenn wir sie teilhaben lassen, haben sie die Chance, von Anfang an mit offenen Augen Großwerden zu können.

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