Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter im 21. Jahrhundert

Im vergangenen Jahrhundert hat sich also einiges getan, es gab ein auf und ab, es gab Fortschritte und Rückschritte. Wir befinden uns in der dritten Welle des Feminismus‘ und es bleibt noch vieles zu tun.

Rollenbilder im Wandel

Zugegebenermaßen hat sich das Rollenbild der Frau schon etwas verändert- langsam und schleppend. In der Theorie zumindest. Im Job sorgen Frauenquoten dafür, dass es mehr Frauen in führenden Positionen und in der Politik geben müsste; es gibt Gesetze, die Gewalt an Frauen verhindern sollen und vor allen Dingen gibt es viele Frauen, die sich mit aller Kraft für den Feminismus und die Frauenbewegung einsetzen. So entstehen neue Frauenbilder von starken Persönlichkeiten, die gefühlt alles schaffen können: Karriere, Haushalt, Kindererziehung- alles kein Problem.

Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch tiefe Risse in dieser Fassade auf und wir stoßen auf strukturelle Probleme: Die Gleichberechtigung ist nach wie vor auf vielen Ebenen noch Wunschdenken. Noch immer wird dogmatisch darauf beharrt, dass Kinder in den ersten Lebensjahren zur Mutter gehören (Spoileralarm: Kinder brauchen eine feste Bezugsperson, ja- es muss aber nicht die Mutter sein. Theoretisch könnte das jede*r sein). Frauen wollen Karriere? Bittesehr, hier ist die Frauenquote- aber wehe, du meldest einen Kinderkrankenschein an. Und generell gibt es viele „Gaps“: Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Orgasm Gap und unzählige mehr.

Gesellschaftlicher Zusammenhang

Die Lebenssituation hat sich für viele Frauen eher verschärft. Der Erwartungsdruck der Gesellschaft ist immens hoch, für mich persönlich noch viel höher, seitdem ich Mutter geworden bin. So sollen Frauen im besten Falle alles können und abdecken: Die Kinder erziehen, den Haushalt erledigen, eine Karriere anstreben, den Partner beglücken und das alles mit einem Lächeln im Gesicht- denn schließlich wollten sie doch Gleichberechtigung. Ich habe das Gefühl, dass der patriarchale Teil der Gesellschaft es sich einfach macht mit der Begrifflichkeit der Gleichberechtigung: Du willst genau so viel arbeiten und verdienen wie ein Mann, damit du die gleichen Rechte hast? Go for it. Mach das doch einfach on top, schließlich haben die Generationen vor dir das auch geschafft. Diese Rechnung ist aber a.) fehlerhaft und geht b.) überhaupt nicht auf. Mal ganz davon abgesehen, dass Gleichberechtigung wesentlich mehr bedeutet, wie wir mittlerweile alle wissen sollten.

Im Vergleich mit den Generationen vor uns wird deutlich, dass wir in unzähligen Themenbereichen schon seit vielen Jahren auf der Stelle treten. Bereits in den 70ern setzten sich beispielsweise Frauen dafür ein, dass Carearbeit gesehen und entlohnt werden muss. Darüber reden wir auch heute noch.

Zeitgleich stecken wir eben doch noch in alten Rollenbildern fest. Hartnäckig halten sich Aussagen wie „Ein Kind gehört zur Mutter“, „Mädchen können kein Mathe“, „Männer sind die besseren Handwerker“ und „Bei Mama schmeckt’s am besten“. Kinder werden schon früh dafür sensibilisiert, was sich dem Geschlecht entsprechend so gehört und was nicht. Attribute, die bei Jungen als „stark, durchsetzungsfähig und selbstbewusst“ gelten, werden bei Mädchen häufig zu „laut, aufmüpfig und zickig“. Jungen, die sensibel sind, werden immer noch als „Heulsuse, Jammerlappen und Weichei“ bezeichnet, während sensible Mädchen unter „einfühlsam, liebevoll und bedächtig“ laufen. Egal, wie sehr Eltern versuchen, dem entgegenzuwirken: In Kindertagesstätten, Schulen oder einfach zu Besuch bei Oma und Opa werden immer wieder solche Aussagen getätigt.

Es fehlen schlichtweg neue Vorbilder. Familienmodelle, in denen wahre Gleichberechtigung herrscht, entwickeln sich erst langsam. Frauen stehen häufig allein da, bekommen außerhalb von feministischen Kreisen nur wenig Unterstützung und Verständnis.

Zusätzlich ist auch heute noch eine Spaltung der Frauenschaft untereinander zu beobachten. Es herrscht zuweilen ein sehr rauer Umgangston untereinander. Der Frust, der sich aus vielen Generationen über Tausende von Jahren angesammelt hat, ist in jeder einzelnen präsent- und entlädt sich oft an der falschen Stelle und auf eine ungünstige Art und Weise. Dass in der Gesellschaft dann auch noch von „einem Haufen menstruierender Zicken“ oder Ähnlichem gesprochen wird, sobald das Wort „FeministIn“ fällt, schürt diesen Frust nur weiter. 

Was wir dringend brauchen

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der es Akzeptanz und Verständnis gibt. All die Hausarbeit, die Jahrhunderte lang im Verborgenen erledigt wurde, muss gesehen werden. Wir brauchen Jobangebote, die Frauen wirkliche Möglichkeiten bieten, aufzusteigen- auch und vor allem dann, wenn sie Mütter geworden sind. Vor allen Dingen brauchen wir eine gerechte Bezahlung und eine gute Aufklärung. Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht jubelt, sobald ein Vater mit seinem Kind spazieren geht- während die alleinerziehende Mutter daneben mit ihren drei Kindern überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Es war noch nie so wichtig wie jetzt, dass FeministInnen und Frauen jeglicher Herkunft sich untereinander verbinden. Unsere zentrale Aufgabe ist es, gesellschaftlichen Druck aufzubauen, um die Frauenbewegung wieder voranzutreiben und große Ziele zu erreichen. Das funktioniert nur als kollektiv. Und genau deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, auch zurückzuschauen und unsere vorherigen Generationen mit ins Boot zu holen. Unsere Mütter und Großmütter kennen unsere Probleme- sie hatten dieselben. Die Probleme, die neu für diese Generationen sind, können sie verstehen. Ich denke, wenn wir es schaffen, uns untereinander und füreinander zu sensibilisieren, kann daraus eine starke Gemeinschaft entstehen, die echtes Potenzial hat, etwas zu verändern und zu bewirken. 

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