Feminismus · Gesellschaft

Themenwochen: Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mütter 1945 bis Ende der 90er

Wir wissen nun, wo unsere Großmütter herkommen und was viele von ihnen erlebt haben. Diese Erlebnisse wiederum hatten Auswirkungen auf die Erziehung unserer Mütter und Väter. Hinzu kommen gesellschaftliche Umschwünge und Veränderungen in allen Lebensbereichen. Zunächst schauen wir uns also wieder ein paar geschichtliche Fakten an.

Neubeginn nach Kriegsende

Schon bald nach dem Ende des Krieges wurden erste Frauenausschüsse gebildet. Frauen wollten den Wiederaufbau mitgestalten und so wurden Gleichberechtigungsforderungen wieder laut. Das Ziel war klar: Frauen sollten wieder an der Politik teilnehmen. Doch dazu mussten sie auch erst wieder von der Notwendigkeit, dies zu tun, überzeugt werden. Es gab in der Folge also auf Frauen ausgerichtete Bildungsangebote, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Die Frauenverbände waren sehr darauf bedacht, eine strenge Überparteilichkeit zu wahren, um jeder Frau den Zutritt zu ermöglichen. 1948 kam dann endlich der erste, große Erfolg: die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde im Grundgesetz verankert. Allerdings nahm nach nur wenigen Jahren das Interesse an den Verbänden ab.

Berg- und Talfahrt

In den 50ern wurde die Zusammenarbeit zwischen den Frauen erschwert. Einerseits verloren die Verbände ihre Überparteilichkeit durch den Ost- West- Konflikt (so wurden beispielsweise kommunistische Mitglieder im Westen ausgeschlossen). Andererseits wirkte das Gleichberechtigungsgesetz bremsend, da die Frauen ihr Ziel als erreicht ansahen- dabei fiel ihnen zunächst nicht auf, dass das Gesetz allein nicht ausreicht und dass es auch eine politische Umsetzung benötigt. Um eben diese Umsetzung kümmerten sich in dieser Zeit die Rechtsabteilungen der Frauenverbände, sodass nur wenig davon in die Öffentlichkeit gelangte.

Erst in den 60er Jahren erlebte die Frauenbewegung und damit auch der Feminismus in Deutschland ein neues Hoch. Frauen empfanden es als paradox, dass ihre Gehälter niedriger waren als die der Männer, dass es immer noch keine Gleichstellung gab, sie kaum an Führungspositionen herankamen und die Hauptverantwortung für Haushalt und Carearbeit immer noch bei ihnen lag. Bereits im Jahre 1974 startete die Debatte um „Lohn für Hausarbeit“- eine Debatte, die wir bis heute führen. Zu dieser Zeit in etwa begannen Aktivistinnen auch damit, eigene Strukturen und Medien zu schaffen, wie in etwa Filme und Zeitschriften. Es gab also viel Aufschwung in der Frauenbewegung, die in den 80ern jedoch erneut an Antrieb verlor. Unterschiedliche, feministische Standpunkte führten zu einer zunehmenden Zerstreuung der Bewegung.

Gesellschaftlicher Zusammenhang

Ein wenig erinnert diese zweite Welle des Feminismus und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Strukturen an unsere heutige Zeit. Viele Probleme wie Gender Pay Gap, Gender Care Gap, das fehlende Ansehen von Carearbeit, etc. waren damals schon bekannt und wurden kritisiert. Frauen hatten es nach wie vor schwer, was auch an der Gesetzeslage deutlich wird: Ein eigenes Konto durften sie erst ab 1958 eröffnen, das Mutterschutzgesetz gibt es seit 1952, bis 1977 durften sie nur dann arbeiten, wenn dies mit den häuslichen und ehelichen Pflichten vereinbar war und erst Ende der 90er wurde Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. Die Frauenbewegung war also da und wurde laut bezüglich der strukturellen Ungerechtigkeiten, die politische Umsetzung kam aber nur langsam hinterher. Das bedeutet, dass Frauen nach wie vor häufig von ihren Männern abhängig waren und unterdrückt werden konnten. Es wurde schlichtweg erwartet, dass sie ihre patriarchal geprägten Rollenbilder erfüllten- und wenn dann noch etwas Zeit übrigblieb, durften sie diese in Arbeit investieren. Natürlich zu einem Minimallohn.

Was bedeutet das für uns heute?

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt vom Wiederaufbau und einer Aufbruchsstimmung, nun endlich etwas zum Positiven zu verändern. Es wurden viele Grundsteine gelegt und auch vieles erreicht, was uns den Weg geebnet hat. Und doch: Gewalt an Frauen wurde noch sehr lange gesetzlich geduldet, Freiheiten beschnitten und das Ausbrechen aus den starren Rollenbildern fiel schwerer als gedacht. Oftmals herrschten in der häuslichen Umgebung nach wie vor die alten Rollenbilder, der Mann hatte das Sagen, die Frau hatte zu gehorchen und sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Es gab zu dieser Zeit noch kein großes Bewusstsein dafür, dass es eben nicht reine Frauensache ist, sich um diese Dinge zu bemühen. Viele Frauen lehnten sich dagegen auf, aber genauso viele waren auch einfach nur froh, nicht im Krieg großgeworden zu sein und ein ruhiges Leben zu haben. Geprägt von ihren eigenen Müttern, welche teilweise schwersttraumatisiert waren, sahen viele die großen Zusammenhänge nicht. Die Kinder dieser Familien, also meine Generation, sind mit diesen Rollenbildern aufgewachsen. Die Traumata der Kriegsgeneration sind mitgekommen, wurden weitergegeben von Jahrgang zu Jahrgang und sorgen so bis heute in vielen Familien für scheinbar unerklärliche Probleme. Des Weiteren gehörte es zum guten Ton, dass gewisse Dinge in der Familie blieben und nicht offen thematisiert wurden. So fällt zum Beispiel auch auf, dass es der Generation meiner Eltern oft schwerfällt, Probleme offen anzusprechen.

Zusammenfinden

Unsere Mütter sind in einer Zeit der großen Umbrüche aufgewachsen, irgendwo zwischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Wunden lecken aus der schmerzenden Vergangenheit. Für viele von ihnen war Gewalt an der Tagesordnung, eigene Träume kaum zu verwirklichen und die Lebensgestaltung richtete sich nach dem Mann. Ich kenne viele Frauen, die heute kurz vor der Rente stehen und kaum eine davon hat das Leben gelebt, dass sie gern wollte. Viele haben Berufe ergriffen, die sie eigentlich nicht interessierten, haben Kinder geboren, obwohl sie dies vielleicht gar nicht wollten und haben ihre Männer in beruflichen Laufbahnen unterstützt, nur um dabei selbst komplett auf der Strecke zu bleiben. Auch hier ist Verständnis unfassbar wichtig.

In dem Wissen, eine Frau vor mir sitzen zu haben, die nie ihren eigenen Weg gehen konnte, kann ich ihren Frust sehen und verstehen. Ich kann auch verstehen, dass diese Frau eventuell auch mit einem neidischen Auge auf mich blickt, schließlich lebe ich in einer privilegierten Situation mit viel mehr Möglichkeiten als sie es damals gehabt hat. Vielleicht schaffen wir hier einen gemeinsamen Blick nach vorn, indem wir etwas sagen wie: „Ich sehe, wo du herkommst und ich sehe, wie viel du aushalten musstest. Im Gegensatz zu mir hattest du viel weniger Auswahlmöglichkeiten und wurdest weniger geschützt. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Für die nächsten Generationen müssen wir weiter gehen und zusammenhalten.“

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