Ich kenne viele ältere Frauen, gerade auch im Alter meiner Oma, die kein Verständnis für den heutigen Feminismus haben. Unser „Gejammer“ bringt sie nur zum Kopfschütteln, denn schließlich haben wir es heute viel einfacher und immerhin sieht man doch an jeder Ecke irgendwelche Väter, die sich um den Nachwuchs kümmern- was sind wir heute nur für Glückspilze! Aber woher kommt dieses Unverständnis für unsere Anliegen und die Blindheit für die strukturellen Probleme? Ein kleiner, geschichtlicher Rückblick, hilft.
Frausein in den goldenen 20ern
Vor circa 100 Jahren gab es einen Wirtschaftsaufschwung in der Folge des ersten Weltkrieges. Dieser wirkte gleichzeitig beschleunigend für die Frauenemanzipation. So zeigten Frauen sich modern und amüsierfreudiger, übernahmen finanzielle Verantwortung- schließlich mussten sie die im Krieg gefallenen und verletzten Männer in der Industrie ersetzen. Auch politisch konnten Frauen sich erstmals beteiligen, denn 1919 durften sie zum ersten Mal wählen. Was auf den ersten Blick nach einer steilen Bergauffahrt aussieht, zeigt aber auch schon bald seine Schatten. So hing das neue Frauenbild eher an äußerlichen Merkmalen als an der Änderung ihrer Lebensumstände.
Der gesellschaftliche Zusammenhang
Die Frauen arbeiteten zu der Zeit zum größten Teil in den unteren Gehaltsklassen (bzw. wurden einfach nicht fair entlohnt) und aus einem finanziellen Zwang heraus. Es entstand eine Kluft zwischen der Realität einerseits und dem Wunsch nach Emanzipation andererseits. Freizeitgestaltung und Kultur waren oftmals zu kostspielig, als dass sie es sich hätten leisten können. Auch die damalige Rechtslage ließ, aus Sicht der Frauen, zu wünschen übrig: Frauen und Männer waren gesetzlich noch nicht gleichgestellt. So durften sie kein eigenes Konto eröffnen und das Arbeiten an sich, sowie das Machen eines Führerscheines, erforderte die Erlaubnis des Ehegatten. Bis in die späten 70er hinein durften Frauen auch nur dann arbeiten, wenn dies mit ihren familiären und ehelichen Pflichten vereinbar war. Care- und Hausarbeit waren gesetzlich somit klar der Frau zugeteilt.

Abruptes Ende der Frauenbewegung mit Beginn des Nationalsozialismus`
Mit dem Beginn des Nazi- Regimes wurden mehrere Gesetze verabschiedet, welche Frauen aus besseren Berufen verdrängten und Tätigkeiten im häuslichen Bereich ehrten. Es folgten eine Begrenzung der Studienplätze für Frauen, das Absprechen der Wählbarkeit (Frauen konnten also nicht mehr gewählt werden) und die Auflösung fast aller Frauenverbände. Die Gleichschaltung richtete sich gegen die Frauenbewegung. Die Frauenorganisationen der Nazis kritisierten sogar die Forderungen nach Gleichberechtigung, frau gab sich damit zufrieden, den Männern die Entscheidungsgewalt zu überlassen.
In dieser Zeit erlebten Frauen also massive Einschränkungen in ihrer Freiheit, verloren viele der hart erkämpften Rechte und wurden in ein Rollenbild gepresst, welches den meisten von uns heute wohl starke Bauchschmerzen bereitet. Die Frau hatte dem Mann unterwürfig zu sein und ihm zu dienen. Sie sollte Kinder gebären und erziehen (nach klaren, rassistischen Mustern), den Haushalt führen und sich nie beklagen. Zu sagen hatte sie nichts. Es ging schlichtweg darum, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu definieren, die dazu führten, dass Männer eben diejenigen waren, die Entscheidungen trafen, während Frauen diese lediglich auszuführen hatten.
Was bedeutet das für uns heute?
Die Frauen der 1920er und 1930er machten zunächst Fortschritte, welche durch das NS- Regime zu einem Großteil wieder vernichtet wurden. Der Raub ihrer hart erkämpften Freiheiten und das Zurückdrängen aus der Öffentlichkeit dürfte vielen schwer zu schaffen gemacht haben. Hinzu kamen ausgeklügelte Propaganda und Gehirnwäsche, sodass Frauen in ihren eigenen vier Wänden gefangen waren und viele sich damit zufrieden gaben- zumindest offiziell.
Ich stelle mir also vor, ich sei eine dieser Frauen. Vielleicht bin ich schon damit aufgewachsen, dass es normal ist, dass die Männer alles entscheiden. Gesetzlich wird mir vorgeschrieben, wie ich zu leben habe und wo genau mein Platz in der Gesellschaft ist. Abweichungen werden hart bestraft, Gewalt in der Ehe ist legitim, meine Zukunft schon bei der Geburt festgeschrieben. Ich lerne Anpassung und nicht- widersetzen- können, ich lerne toxische Männer- und Frauenbilder, ich bin gefangen in einem Rollenbild, das Frauenfeindlicher nicht sein könnte.

Das macht etwas mit mir. Ich spüre eine Enge in mir und um mich herum, die mit Sicherheit auch viele Frauen damals spüren konnten- mit dem Unterschied, dass ich darüber gefahrenlos sprechen kann, was ihnen damals verwehrt blieb. Wächst ein Mensch unter solchen Beschränkungen auf, vielleicht auch gepaart mit einer Menge Angst, dann wird dieser Mensch sein Leben lang davon beeinflusst sein. Diese Erfahrungen und diese von der Regierung und Gesellschaft indoktrinierten Normen und Werte sitzen tief und lassen sich nicht mit einem Regierungswechsel auslöschen.
Unsere Großmütter, die entweder zu der Zeit schon lebten oder kurz danach geboren wurden, leiden unter Umständen noch bis heute darunter. Das erklärt, warum viele Frauen dieser Generationen es als „großes Glück“ beschreiben, wenn einer unserer Männer Hausarbeit macht oder sich um die Kinder kümmert- in der damaligen Zeit war das einfach absolut undenkbar. Das erklärt auch, warum viele dieser Frauen gern Dinge sagen wie „Stell dich nicht so an, früher war es viel härter, ihr habt es doch so viel besser!“. Das stimmt. Wir haben es schon deutlich besser. Was aus diesen Frauen spricht, ist der Schmerz, selbst kaum Möglichkeiten für das eigene Leben gehabt zu haben.
Zusammenfinden
Wir brauchen also Verständnis füreinander. Wir Frauen von heute, die sich für den Feminismus einsetzen und die Probleme der heutigen Zeit kennen, müssen erkennen, dass unsere Omas eine große Last an Schmerz und Unterdrückung mit sich herumtragen. Den meisten Großmüttern ist das noch nicht einmal bewusst- diese Last wurde zum Selbstschutz häufig in das Unterbewusstsein verdrängt. Von dort heraus kommt das Unverständnis für unser „Gejammer“. Für die Frauen von damals muss unser heutiges Leben wie das reinste Paradies aussehen und wir können dagegen gar nichts tun- müssen wir auch nicht.
Was wir tun können, ist Folgendes: Wir können Verständnis zeigen und klar bei unserer Meinung bleiben. Wir können so etwas sagen wie „Ich verstehe, wo du herkommst. Du hast viel gesehen und erlebt und für dich sieht es von außen so aus, als hätte ich es viel einfacher. Aber auch ich habe Probleme zu bewältigen, denn bis heute gibt es noch viel strukturelle Ungerechtigkeit- sie unterscheidet sich lediglich von der, die du erlebt hast.“ Wir können unsere Türen öffnen und die ältere Generation hereinbitten, sie wertschätzen und die Unterschiede erklären. Indem wir diesen Frauen ihren Schmerz zugestehen und diesen aushalten, schaffen wir einen Raum für Begegnungen auf Augenhöhe.