In Zeiten von Social Media, in denen Shitstorms und Hass im Netz schon längst keine Seltenheit mehr sind (selbst meine 85 jährige Großmutter kennt diese Begriffe und weiß, was es damit auf sich hat- und die nutzt gar kein social media), ist uns eines an vielen Stellen verloren gegangen: Sanftheit.
Sanft zu sein macht für einige Menschen in vielen Bereichen keinen Sinn. Sie denken, sie brauchen ein möglichst dickes Fell, starke Fäuste und spitze Ellenbogen, um etwas zu bewirken und auf Dinge aufmerksam zu machen. An jeder Ecke und in jedem Bereich wird mit harten Bandagen gekämpft- vor allem unter Frauen. Manchmal scheint es mir, als herrsche ein neues Motto vor: Je härter und aggressiver ich meinen Standpunkt vertrete, desto mehr werde ich gehört und desto mehr kann ich erreichen. Das mag auch für viele funktionieren, aber ich bin mir sicher, dass es das nicht für alle tut. In seinem Buch „Genesis- Die Befreiung der Geschlechter“ schreibt Veit Lindau darüber, dass Frauen gelernt haben, Führungspositionen und führende Rollen auf eine männliche Art und Weise auszukleiden und zu übernehmen. Nicht selten „vermännlichen“ sie dabei, werden hart und eignen sich Attribute an, die gemeinhin mit Männlichkeit und männlicher Führungsqualität in Verbindung gebracht werden.

Ich bin ehrlich: Manchmal macht mir der raue Umgangston Angst. Lange habe ich mich gar nicht getraut, überhaupt irgendetwas zum Thema Feminismus zu sagen, weil ich dachte, ich wisse nicht genug/ ich sage eh etwas Falsches/ ich werde dafür gelyncht. Denn genau das passiert, vor allem im Netz, sehr häufig. Hier kommt der Begriff outcalling ins Spiel. Schon oft konnte ich beobachten, dass Fehler, die eine Frau in einer Aussage traf oder Meinungen, die schlichtweg konträr oder kritisch sind, zum Anlass für den outcall genommen werden. Damit werden Frauen zum öffentlichen Abschuss freigegeben. Es gibt keine Chance mehr; Dinge richtig zu stellen, zu diskutieren, die fehlerhafte Aussage zu korrigieren. Ist der Fehler passiert, wird gebrandmarkt und an den Pranger gestellt.
Wollen wir das wirklich? Wollen wir so miteinander umgehen?
Für mich ist das nichts. Ich denke auch nicht, dass das zielführend ist. Wenn wir so weiter machen, kommen viele Frauen nicht mit auf diese Reise, denn was bleibt, ist ein schlechtes Image des Feminismus. Ich kenne nach wie vor viele Menschen verschiedenen Geschlechts die behaupten, Feminismus bestünde einzig und allein aus „frustrierten Hausfrauen, die gerne zickig sein wollen“. Und wenn ich mir die Feminismuskultur auf social media so anschaue, kann ich diesen Blickwinkel zumindest in Teilen nachvollziehen. Denn genau das passiert: Anstatt unsere Wut über das Patriarchat und das dazugehörige System produktiv umzuwandeln in eine Energie, die Berge versetzen könnte, sind wir damit beschäftigt, uns gegenseitig zu zerfleischen. Vor allem sensible Frauen, zu denen ich mich selbst zähle, halten sich davon fern. Es ist nicht nur die Angst davor, möglicherweise etwas Falsches zu sagen, sondern auch die Angst, was danach passiert. Teilweise geht diese öffentliche Niedermachung bis hin zu Morddrohungen. Und wenn es so weit gekommen ist, dann kämpfen wir schon lange nicht mehr für Gleichberechtigung und Anerkennung, sondern einzig und allein gegeneinander- genau das spielt dann wieder dem Patriarchat und dem System gut in die Tasche. Die großen Verliererinnen in diesem Spiel sind wir selbst.

Ich bin dafür, wieder sanfter miteinander zu werden. Es geht nämlich beides zusammen auch sehr gut: sanft und stark. Ich brauche keine geballten Fäuste und spitze Ellenbogen, jedenfalls nicht im Umgang mit anderen Feminist:innen. Ich brauche gute Argumente, Verständnis und die Fähigkeiten, zu reflektieren und Kritik anzunehmen. Anstatt Steine aufeinander zu werfen und uns gegenseitig hin und her zu hetzen, müssen wir einander die Hände reichen. Wir dürfen unterschiedliche Meinungen haben und Dinge anders sehen, dafür müssen wir uns aber nicht gegenseitig bekriegen.
Aktuell sehe ich oft das Verhalten der „alten weißen Männer“ unter Frauen: Es wird gebrüllt, es wird geschubst, es wird geschlagen. Es herrscht keine Einsicht, keine Nachsicht, kein Miteinander. Es wird stur auf den eigenen Standpunkten beharrt, ohne die Möglichkeit einzuräumen, dass genug Platz für alle da wäre.
Um ein gutes Bild zu malen, brauchen wir nicht nur eine Farbe, sondern die ganze Palette. Für eine große Symphonie brauchen wir nicht nur die lauten Töne, sondern auch die leisen. Für einen starken Feminismus brauchen wir nicht nur die starken Vorreiter:innen, wir brauchen alle Facetten des menschlichen Seins. Wir brauchen die ruhigen und leisen genauso wie die aus sich heraus gehenden und lauten. Sanftheit gehört dazu und ist ein wichtiger Faktor, um von innen heraus stark zu sein.
Für mich braucht es viel Mut, mit meinen Texten rauszugehen und meine Sicht auf die Dinge preiszugeben. Die Furcht am Pranger zu landen, bleibt. Ich glaube aber auch, dass jetzt die richtige Zeit ist, um darüber zu schreiben und zu reden. Wir sind lernfähig und verfolgen am Ende dasselbe Ziel, egal, wie wir es sagen. Noch nie war es wichtiger, an einem Strang zu ziehen. Und ich bin ehrlich: Ich habe kein sonderlich dickes Fell. Vielleicht wächst es noch, vielleicht aber auch nicht. Ich habe aber vertrauen und ich glaube, dass jede:r lernen kann, wertschätzend mit den anderen umzugehen.
Lasst uns aufhören, diese Ellenbogengesellschaft weiter zu tragen. Es ist an der Zeit, unsere sanften Seiten wieder mehr nach außen zu kehren. Wir brauchen den sanften Feminismus jetzt.