Wie wichtig es ist, ab und an eine andere Perspektive einzunehmen, fällt mir immer dann am meisten auf, wenn ich Gespräche mit meiner Mutter und mit meiner Großmutter führe. Es ist faszinierend, was da alles zum Vorschein kommt und verblüfft mich immer wieder. Es gibt eklatante Unterschiede in den erzählten Erlebnissen, jenachdem, wer von beiden sie erzählt. Das, was meine Großmutter als idyllisch und harmonisch wahrnahm, war für meine Mutter manchmal das genaue Gegenteil- und umgekehrt. Auch zwischen dem, was meine Großmutter über ihre Ehe erzählt und dem, was ich von außen miterleben durfte, gibt es teilweise große Unterschiede. Das bringt mich einmal mehr dazu, über Wahrnehmung nachzudenken.
Kurz erklärt, beschreibt Wahrnehmung die Aufnahme und Verarbeitung von sowohl körperlichen Reizen, als auch von Sinnesreizen. In meinem Artikel geht es eher um Sinnesreize.
Dass die menschliche Wahrnehmung variiert, ist lange schon kein Geheimnis mehr. Ein und dasselbe Erlebnis wird von zwei Parteien komplett anders erlebt. Ein Beispiel: Wir machen Familienurlaub am Strand. Das Meer ist an diesem Tage etwas rauer und sehr wellig. Während ich mich bereits fürchte, nur vorne mit den Füßen im Wasser zu stehen, springt mein Bruder mit voller Wonne mitten in die Fluten und hat den Spaß seines Lebens.
Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen, aber auch weiter greifend in der Gesellschaft, ist es also wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Wir neigen beispielsweise dazu, anderen Menschen ihre schlimmen/ traumatischen Erlebnisse abzusprechen, bzw. diese kleinzureden, da diese für uns selbst vielleicht wie Lappalien wirken. Das fängt schon bei den Kindern an, wenn wir ihnen sagen: „Ach komm, ist doch nicht so schlimm, dass dein Lolli auf den Boden gefallen ist. Du kannst ihn trotzdem noch essen.“ Für uns mag es aus der Außenperspektive nicht schlimm sein, für das Kind jedoch kann da gerade eine Welt zusammenbrechen. Genauso kann mein Mann beispielsweise viel besser als ich damit umgehen, wenn eine andere Person schreit. Wir beide bewerten die Situation also ganz anders. Würde mein Mann mir da aber sagen „Stell dich nicht so an, passiert ja nichts“, so fühlte ich mich gekränkt. Dann hätte ich nicht nur Angst vor dem Geschrei, sondern zusätzlich würden mir auch noch meine Gefühle dazu abgesprochen, die aus einer traumatischen Vergangenheit herrühren.
Für den Umgang miteinander bedeutet es also, sich selbst zurücknehmen zu können mit dem eigenen Empfinden, wenn es gar nicht um uns selbst geht. Oftmals ist es ratsam, lieber eine Nachfrage zu stellen, anstatt mit vermeintlichem Wissen punkten zu wollen. Das könnte so lauten:
Was ist es, das diese Situation für dich so schlimm macht? Warum reagierst du nun so ärgerlich? Das ist spannend, ich habe das damals ganz anders erlebt, magst du mir mehr erzählen?

Auf diesem Wege laden wir unser Gegenüber dazu ein, die eigene Wahrnehmung genauer zu schildern und bekommen so die Möglichkeit, diese auch verstehen zu können. Jede sinnliche Wahrnehmung ist eng mit Gefühlen verknüpft. Gefühle haben immer eine Daseinsberechtigung und wollen gesehen und akzeptiert werden. Viele Dinge erscheinen auf den ersten Blick schleierhaft, da sie aus der eigenen Perspektive heraus natürlich ganz anders wahrgenommen werden, als die Erzählung es hergibt. Von außen betrachtet macht das Sinn: Natürlich nehme ich die Beziehung zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter anders wahr als die beiden selbst. Schließlich stecke ich da nicht drin, teile nicht dieselben Erfahrungen und Erinnerungen und habe eine ganz andere Gefühlsgrundlage den beiden Frauen gegenüber als diese miteinander. Dadurch, dass ich nicht dabei war, fehlen mir grundlegende Informationen, die die beiden jedoch haben.
Gerade unter Frauen beobachte ich häufig, dass fremde Wahrnehmungen nicht gesehen und akzeptiert werden. Frauen neigen dazu, gegeneinander zu arbeiten, anstatt in die Welten der anderen einzutauchen. Ein paar Stunden (eventuell auch nur Minuten) auf social media reichen aus, um eine Fülle von Mombashing und Momshaming zu beobachten- Phänomene, die sich leider einer immer währenden Beliebtheit erfreuen. Meiner Meinung nach fehlt hier das Verständnis füreinander und die Fähigkeit, die Perspektive der anderen Frauen einzunehmen. Viele beharren auf ihren Standpunkten, die durchaus richtig und vertretbar sind, aber noch lange nicht all die anderen Standpunkte außer Kraft setzen.
Um die eigene Wahrnehmung und somit auch die eigene Meinung für einen Moment zurückzuhalten, kann es helfen, einen tiefen Atemzug zu nehmen und sich selbst zu sagen „Das ist nicht meine Erfahrung und auch nicht mein Gefühl. Es steht mir nicht zu, das zu bewerten.“ Anschließend haben wir, je nach Situation, mehrere Möglichkeiten. Wir können Nachfragen stellen, um mehr Verständnis zu erlangen. Wir können unsere:n Gesprächspartner:in dazu einladen, etwas mehr zu erzählen. Wir können aber auch einfach etwas unkommentiert im Raum stehen lassen und es so hinnehmen.
Ein harmonisches miteinander entsteht, wenn wir Grenzen akzeptieren und anderen Menschen ihre Erfahrungen und Gefühle nicht absprechen. Nehmen wir einander ernst, wachsen Vertrauen und Verbundenheit. Je mehr wir uns für die Wahrnehmung der anderen Person öffnen, desto mehr können wir sie verstehen. So gelangen wir langsam, aber sicher, an einen Punkt, an dem es uns immer leichter fällt, die Perspektive zu wechseln. Das wiederum ist wichtig in allen Bereichen des Lebens.
In Bezug auf unsere Kinder fällt es uns dann leichter, diese zu verstehen und wir können eher nachvollziehen, warum ein für uns banales Ereignis unser Kind sodermaßen aus der Fassung bringt.
In Bezug auf unsere Freundschaften sind wir durch Perspektivwechsel dazu in der Lage, eine neue Tiefe zu erreichen, in der es mehr Verständnis und Offenheit gibt, sodass dort die Verbundenheit wächst.
In Bezug auf unsere Familien sind wir wesentlich konfliktfähiger, weil es uns gelingen kann, jede einzelne Partei zu verstehen und so zu einem Kompromiss zu gelangen, der wirklich für alle Beteiligten passt.
Im Feminismus und vor allem im Miteinander unter Frauen kann es uns so gelingen, wieder zueinander zu finden und gemeinsam stark zu sein, anstatt uns gegenseitig fertig zu machen.

Selbst mit größter Übung gelingt es uns nicht immer, aus unserer Haut zu kommen und in die Gegenperspektive einzutauchen- vor allem dann nicht, wenn die Grundwerte nicht übereinstimmen oder wenn schon viele Jahre Streit vorangegangen sind. Verschiedene Meinungen zu haben, ist okay und sogar notwendig. In solch einem Moment ist Akzeptanz ein hilfreiches Mittel, um sich nicht zu verrennen. Misslingt Akzeptanz aus verschiedenen Gründen, ist es ratsam, einen Kontaktabbruch in Erwägung zu ziehen. Sind die Fronten über Jahre verhärtet und lassen sich nicht erweichen, werden auch weitere Jahre der Diskussion nichts mehr daran ändern. In so einem Moment ist es absolut okay, den Abstand zu suchen und den eigenen Weg mit Menschen weiterzugehen , die eher dieselben Werte vertreten und deren Wahrnehmungsbereich unserem etwas mehr ähnelt.
Ein Beispiel: Ich selbst ernähre mich größtenteils vegan, selbst unter Zwang könnte ich kein Fleisch essen. Für mich besteht da eine riesige, ethische Hürde. Mein Papa ist omnivor, isst also alles und liebt ein Stück Steak. Er ist offen dafür, vegane Alternativen zu probieren, wird jedoch niemals auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten. Dafür liebt er es zu sehr und auch ethisch ist das einfach nicht sein Thema. Ich könnte noch so sehr versuchen, ihn zu „bekehren“: es wird mir nicht gelingen, weil wir beide andere Grundwerte vertreten und andere Sichtweisen auf die Dinge haben. Hinzu kommt, dass mein Vater ganz anders aufwuchs als ich. Damals gab es nur wirklich selten so etwas teures wie Fleisch, viel wurde im eigenen Garten angebaut oder aus Konserven gegessen. Die Eltern meines Vaters sind dem Krieg entflohen, tierische Produkte hatten für sie also einen ganz anderen Wert als für mich heute. Ich kann also verstehen, was meinen Vater geprägt hat und was seine Beweggründe sind. Und auch, wenn mein Vater vielleicht nicht so ganz verstehen kann, was meine Beweggründe sind: Wir akzeptieren einander, ohne zu verurteilen. Es ist okay, dass er da seinen Weg geht und ich meinen. Betrachtet aus der jeweiligen Perspektive, macht jedes individuelle Verhalten in diesem Fall auch Sinn.
Jede:r von uns nimmt also anders wahr. Wichtig ist, sich in Verständnis zu üben und andere Perspektiven einzunehmen. Andere Wahrnehmungen sollten immer akzeptiert werden, da wir nie so ganz genau wissen, woher ein Mensch stammt und was diesen geprägt hat. Es steht uns nicht zu, zu be- und verurteilen, selbst dann nicht, wenn wir uns absolut im Recht sehen. Auf neutralem Boden können wir immer sagen, dass wir etwas anders wahrgenommen und aufgefasst haben, solange Wertungen dabei nicht vorkommen. Auf diese Weise gelangen wir in einen wertvollen Austausch und ein fruchtbares Miteinander.