Allgemein · Persönlichkeit

Meine spontane Instagram- Pause

Es kommt auf die Perspektive an, wie so oft.

In den letzten Wochen fühlte ich mich vom Leben überrollt. Es hatte den Anschein, als würde an jeder Ecke neuer Stress auf mich warten, um die nächste Kurve das nächste Hindernis. Ich konnte nicht mehr klar denken- was für kreative und stark fühlende Menschen wie mich ein riesiges Desaster ist. Ich wurde immer unausgeglichener, kratzbürstiger und unfairer- vor allem meiner Familie gegenüber. Die Zeit arbeitete gegen mich, als hätte jeder einzelne Tag immer ein paar Minuten weniger als der vorherige, bis am Ende nichts mehr übrigblieb. Außer natürlich überfüllter To- Do- Listen, unerfüllten Wünschen und missachteten Bedürfnissen, davon gab es eine Menge. Ich sehnte mich also nach einer Pause, irgendwo, irgendwie. Das musste doch möglich sein. Warum fiel meine Wahl auf Instagram?

Mir war aufgefallen, dass ich, je stressiger und voller meine Tage wurden, immer mehr mit rumscrollen auf Instagram beschäftigt war. Ich schleppte mein Handy mit zum Klo, legte es beim Kochen nicht aus der Hand und während ich versuchte ein Buch zu lesen, hielt ich es fest, als hinge mein Leben davon ab. Ein Auge auf das Papier gerichtet, das andere aufs Smartphone. Ich war wirklich darüber verärgert, dass mein Handy nicht wasserdicht ist und ich es beim Duschen nicht durchforsten konnte. Irgendwann stellte ich mir selbst die Frage: Was zur Hölle mache ich da und was will ich da eigentlich finden? Entspannung? Ruhe? Die ultimative Lösung für all meine Probleme?

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Spoileralarm: Nichts davon ist auf social media zu finden, jedenfalls nicht für mich. Es war mehr eine Kurzschlussreaktion als eine geplante Tat, aber eines Sonntagabends lag ich im Bett und googelte, wie ich meinen Account vorübergehend deaktivieren konnte. Gelesen, getan. So lag ich nun da, mit dem Handy in der Hand, welches zum ersten Mal seit vielen Monaten (vielleicht auch Jahren, ich weiß es nicht) Ruhe gab. Ich fühlte sofort eine Art der Erleichterung, denn jetzt konnte ich nicht nichts mehr verpassen. Ich verpasste alles und das war, seltsamerweise, okay für mich. Da sickerte auch schon die erste Erkenntnis zu mir durch: Ich hatte fomo! Fear of missing out, was übersetzt in etwa „Angst, etwas zu verpassen“ bedeutet. Ständig dachte ich, mir würde etwas Wichtiges entgehen. DER Storyslide, DER Beitrag, DER Skandal, DIE Lösung. Das alles fiel plötzlich weg. So entstand eine riesige Lücke in meinem Kopf. Eine Lücke, die bisher angefüllt war mit Lebensentwürfen von anderen Menschen, mit Lebenswegen, die nicht meine waren, mit dem Ansporn, es doch auch irgendwie schaffen zu müssen, weil die anderen Menschen schaffen das doch auch so easy- das konnte ich ja jeden Tag sehen.

Natürlich schaffen diese anderen Menschen das alles nicht so leicht. Viele von ihnen betonen und zeigen auch immer wieder, dass es eben oft problematisch und beschwerlich ist. Aber ich wollte nur die schönen Dinge sehen und dachte, das will ich auch. Ich dachte, ich könnte alles haben und versuchte, mir meinen Lebensweg aus den Wegen der anderen gewaltvoll zusammenzuzimmern. Das hat glücklicherweise nicht funktioniert- wie auch?

Da war also diese Lücke in meinem Kopf. Ich lag im Bett und wusste nichts mit mir anzufangen. Normalerweise würde ich so lange auf Instagram rumscrollen, bis mir die Augen brannten und ich mich erschöpft zur Seite drehte, um zu schlafen. Nur um am nächsten Morgen, als erste Amtshandlung, wieder nachzuschauen, ob ich über Nacht irgendetwas versäumt habe.

An diesem Abend war das nicht so. Ich wälzte mich unruhig hin und her und entschied mich irgendwann dazu, einen Einschlaf- Podcast zu hören. Siehe da: Ich konnte mich von Alltagsgeräuschen einfangen und sanft in den Schlaf tragen lassen. Fast ganz ohne mein sonst stattfindendes abendliches Gedankenkreisen.  

Am nächsten morgen wachte ich beschwingt auf und stellte fest: So ein Morgen kann ja recht entspannt verlaufen, wenn man nicht bei jedem Schritt aufs Handy glotzen muss! Plötzlich war da so viel Zeit, die ich vorher nicht hatte. Ich machte mir Entspannungsmusik an, kochte eine Kanne Tee, entzündete Kerzen und schrieb in mein Tagebuch. Das hat sich übrigens seitdem so etabliert als meine Morgenroutine. Anstatt das bisschen kinderfreie Zeit, was ich dann und wann bekomme, mit hektischem Story- Schauen und Beitrags- Überfliegen zu verbringen, nahm ich mir Zeit für mich. Ich begann auf diese Art, meine Gedanken morgens erst einmal zu ordnen. Ich ließ Groll und Wut auf das Papier fließen, entdeckte Hoffnungen und Träume, schmiedete Pläne und sah, wie sich der geistige Nebel lichtete.

Ich weiß, dass Tagebuch schreiben mir hilft, mich zu sortieren, das ist nichts neues. Es fehlte mir schlichtweg die Zeit dazu.

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In den ersten Tagen taten sich viele kleine und große Zeitfenster auf. Normalerweise vollgestopft mit dem Konsum von sozialen Medien, entstanden Räume, andere Dinge zu tun. Ich nahm ein Buch zur Hand und las. Ich beschäftigte mich intensiver mit meinem Kind. Ich brachte die To- Do- Liste auf den neuesten Stand und besprach mich viel mit meinem Mann. Ich merkte recht schnell, dass ich ausgeglichener war und wieder klarer denken konnte. Monatelang war es mir schwergefallen, Prioritäten zu setzen, denn irgendwie erschien ALLES so wichtig. Logisch, denke ich mir jetzt: Ich sauge das, was ich auf social media konsumiere, auf, wie ein Schwamm. Ich bin sehr reizoffen, was in diesem Falle bedeutet, ich denke nachhaltig über gelesenes und gesehenes nach, ich gleiche ab, versuche herauszufiltern, was für mich auch passen könnte und bilde mir Meinungen- zu so vielen verschiedenen Themen, dass am Ende gar keine klare Meinung mehr übrigblieb. Da war nur noch ein Potpourri aus fremden Stimmen in meinem Kopf. Ich stellte meinen eigenen Lebensentwurf in Frage, denn müsste da nicht noch mehr gehen? Kann ich nicht was optimieren? Sollte ich es mal probieren wie Person XY, denn dort hat es schließlich auch funktioniert?

Als ich Instagram den Rücken kehrte, konnte ich recht schnell meinen eigenen, ganz persönlichen Weg wieder sehen. Von Tag zu Tag fiel mir das mit den Prioritäten setzen und dem Lösungen finden immer leichter. Ich hatte nicht nur physische Zeit gewonnen, sondern auch kostbare Denkzeit.

Mein persönliches und gedankliches Chaos ließ sich aufräumen, ich wurde immer klarer. Ich erkannte meine eigenen Grenzen wieder und lerne immer noch, für diese einzustehen und vor allen Dingen sie auch selbst zu achten. Ich missachte häufig meine eigenen Grenzen und tue Dinge, die mir nicht guttun. Manchmal geht es nicht anders. Manchmal hingegen schon, da geht es durchaus anders. Nur konnte ich das nicht sehen, gefangen in einer Art mentaler Konsumsucht.

Gestern Abend habe ich dann beschlossen, dass es Zeit ist für meine Rückkehr. Ich fühle mich stabil, nicht mehr so getrieben und bisher habe ich lediglich kurze Zeit dort verbracht, um Nachrichten zu beantworten und ein Lebenszeichen zu schicken. Der Drang, alles sofort nachlesen und anschauen zu müssen, blieb aus. Stattdessen kann ich mit den Schultern zucken und sagen: „Etwas lebenswichtiges werde ich wohl gerade nicht verpassen“. Ich finde social media wichtig, auf vielen Ebenen. Es dient dem Austausch, dem Networking, als Fenster zur Außenwelt und ich weiß, dass es für viele Personen noch viel mehr ist als all das.

Entscheidend ist der Umgang mit social media und dieser lässt sich eben nicht pauschalisieren. Manche Menschen können unbeschadet den ganzen Tag auf diversen Plattformen verbringen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Andere Menschen können das gar nicht und wieder andere befinden sich irgendwo dazwischen. Ich plädiere also weder für das eine Extrem, noch für das andere. Ich plädiere für einen bewussten, individuellen Umgang.

In meinem Fall sieht das beispielsweise ab jetzt so aus: Mehr gezielte Nutzung, weniger zweckloser Konsum. Ich brauche soziale Medien für meine Präsenz als selbstständige Frau, zur Kundenakquise und zum Networking. Ich erstelle also ab jetzt Pläne, was ich wann posten möchte und schaue bei weniger Profilen aktiv rein. Die Konsumzeit begrenze ich für mich, denn ich habe gelernt, dass mir das nicht guttut. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Ein bisschen Wehmut ist dabei, denn ich folge vielen großartigen Frauen, die durchweg kluge Dinge sagen und wichtige Standpunkte vertreten.  Aber mein Leben findet auf keiner Plattform statt, sondern im hier und jetzt. Ich habe erkannt, dass ich ein Mensch bin, der schnell von einem Thema und fremden Meinungen angezogen und aufgesaugt wird. Das ist keine Schwäche, sondern in vielen Bereichen eine Stärke. Dadurch ist es mir möglich, unzählige Perspektiven anzunehmen und Sachverhalte aus allen Ecken und Winkeln zu betrachten. Das möchte ich ab jetzt für mich und für andere Nutzen und nun weiß ich auch, wie ich mich dabei selbst nicht verliere und im Fokus bleibe: Ich setze Grenzen und nehme mir Pausen.

Die Auszeit von Instagram hat meine To- Do- Liste nicht gekürzt oder mir meinen Stress genommen, geschweige denn meine Probleme gelöst. Sie hat allerdings dafür gesorgt, dass ich das Ganze nun aus einem anderen Blickwinkel sehen kann und wieder auf meinem ganz eigenen Weg gehe.

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